{"id":9460,"date":"2021-06-07T07:00:39","date_gmt":"2021-06-07T05:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=9460"},"modified":"2021-06-11T15:47:44","modified_gmt":"2021-06-11T13:47:44","slug":"dvorak_blaeserserenade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2021\/06\/07\/dvorak_blaeserserenade\/","title":{"rendered":"\u201e\u2026wohl das Beste, was ich von Dvo\u0159\u00e1k kenne.\u201c Wissenswertes zur Bl\u00e4serserenade d-moll op.\u00a044"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-9469 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Dvorak_1882.jpg\" alt=\"\" width=\"263\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Dvorak_1882.jpg 263w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Dvorak_1882-219x300.jpg 219w\" sizes=\"(max-width: 263px) 100vw, 263px\" \/>Auch wenn in letzter Zeit Komponisten wie Debussy, Beethoven oder aktuell Saint-Sa\u00ebns aufgrund ihrer Jubil\u00e4en im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen und stehen \u2013 der geheime Star im Henle-Programm der letzten Jahre scheint mir Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k zu sein. Nicht weniger als elf neue Urtext-Ausgaben seiner Werke sind in unserem Verlag seit 2015 erschienen, darunter viele gro\u00dfe und zentrale Werke seines Schaffens wie die sp\u00e4ten Streichquartette op. 96, 105 und 106, das Klavierquintett op. 81, das Klaviertrio op. 65 und die <em>Humoresken<\/em> op. 101 f\u00fcr Klavier. In diesen Tagen wird unsere Neuausgabe der Bl\u00e4serserenade d-moll op. 44 (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Bl%C3%A4serserenade+d-moll+op.+44_1234\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1234<\/a>\/<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Bl%C3%A4serserenade+d-moll+op.+44_7234\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 7234<\/a>) erscheinen und das Dutzend voll machen. Und es geht selbstverst\u00e4ndlich weiter: bereits in Vorbereitung f\u00fcr diesen Herbst sind Dvo\u0159\u00e1ks \u201eslawisches\u201c Streichquartett Es-dur op. 51 und \u2013 ein besonderer H\u00f6hepunkt \u2013 sein legend\u00e4res Cellokonzert.<!--more--><\/p>\n<p>Der Rang dieser Kompositionen und ihre Beliebtheit bei Musikern wie beim Publikum ist unbestritten \u2013 im Falle der Bl\u00e4serserenade scheint aber vielleicht etwas Werbung angebracht, denn sie ist sicher weniger bekannt als viele andere Kompositionen Dvo\u0159\u00e1ks. Die etwas ungew\u00f6hnliche Besetzung f\u00fcr 10 Bl\u00e4ser, Cello und Kontrabass ist in der Regel zu klein f\u00fcr ein Orchesterkonzert und zu gro\u00df f\u00fcr einen Kammermusikabend, so dass die Serenade leider selten im Konzertsaal zu h\u00f6ren ist. \u201eDank\u201c der Corona-Pandemie sind seit dem letzten Jahr aber gerade solche mittelgro\u00dfen Besetzungen in Mode gekommen, was uns diese sehr gelungenen Neuaufnahmen mit den Musikern des hr-Sinfonieorchesters Frankfurt (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=st6vwMhukSc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">auf YouTube anh\u00f6ren<\/a>) bzw. des Tonhalle-Orchesters Z\u00fcrich beschert hat \u2013\u00a0unbedingte H\u00f6rempfehlung!<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Paavo J\u00e4rvi dirigiert Strauss und Dvo\u0159\u00e1k\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/t3fs1yu0qk4?start=606&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Kein Geringerer als Johannes Brahms urteilte: \u201eDie Serenade ist wohl das Beste, was ich von Dvo\u0159\u00e1k kenne. Das m\u00fcssen gute Kapellen mit Wollust blasen.\u201c Zugegeben: dieses Briefzitat stammt aus dem Sommer 1879, als Dvo\u0159\u00e1ks Karriere erst begann und seine ber\u00fchmtesten Werke noch lange nicht entstanden waren. Dennoch stellte Brahms die Bl\u00e4serserenade damit immerhin \u00fcber namhafte Kompositionen Dvo\u0159\u00e1ks wie die <em>Kl\u00e4nge aus M\u00e4hren<\/em>, die <em>Slawischen T\u00e4nze<\/em> op. 46, das Klavierkonzert, die Streicherserenade E-dur op. 22 oder das (Brahms gewidmete!) Streichquartett d-moll op. 34.<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere neue Urtextausgabe der Bl\u00e4serserenade konnten wir Skizzen und Partiturautograph heranziehen, dazu Dvo\u0159\u00e1ks pers\u00f6nliches Handexemplar der gedruckten Partitur sowie weitere Exemplare der Erstausgabe in Partitur und Einzelstimmen. (Wie immer geb\u00fchrt dabei ein gro\u00dfer Dank dem <a href=\"https:\/\/www.nm.cz\/en\/visit-us\/buildings\/antonin-dvorak-museum\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dvo\u0159\u00e1k-Museum in Prag<\/a>, das mit ausgezeichneten Farbscans der autographen Quellen alle unsere Dvo\u0159\u00e1k-Editionen \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht.)<\/p>\n<p>Wenngleich das Autograph nat\u00fcrlich eine wichtige Vergleichsquelle darstellt, dokumentiert es wie so oft nur den anf\u00e4nglichen Stand der Komposition. Von der Niederschrift der Partitur im Januar 1878 bis zum Erscheinen der Erstausgabe verging \u00fcber ein Jahr, dazwischen lag die Urauff\u00fchrung am 17. November 1878 \u2013 genug Zeit und Gelegenheiten f\u00fcr den Komponisten, noch letzte Hand an kleine Details zu legen. Leider ist das Urauff\u00fchrungsmaterial nicht erhalten, ebensowenig die Stichvorlage der Erstausgabe, aber der genaue Vergleich der gedruckten Partitur mit dem Autograph brachte etliche Abweichungen zu Tage, die nur auf bewusste Eingriffe Dvo\u0159\u00e1ks zur\u00fcckgehen k\u00f6nnen. Stellvertretend sei hier nur eine Stelle im 1. Satz gezeigt \u2013 eine absichtliche \u00c4nderung in der Stimmf\u00fchrung von Klarinette 2, Fagott 1\/2 und Kontrafagott:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Takt4.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-9464 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Takt4.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"685\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Takt4.jpg 800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Takt4-300x257.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Takt4-768x658.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Serenade op. 44, 1. Satz, T. 4<br \/>\nRechts: Erstausgabe der Partitur, Berlin: Simrock, 1879.<br \/>\nLinks: Partiturautograph, \u010cesk\u00e9 Muzeum Hudby, Fonds Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k, Signatur S\u00a076\/1522. Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Nationalmuseums \u2013 Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k Museum, Prag<\/em><\/p>\n<p>Aus diesem Grund haben wir als Hauptquelle unserer Edition die vom Komponisten autorisierte und Korrektur gelesene Erstausgabe gew\u00e4hlt, die sicherlich die Fassung letzter Hand darstellt, und nicht das Autograph, dessen Lesarten nur mit Vorsicht zu betrachten sind.<\/p>\n<p>Dennoch erm\u00f6glicht der Blick in die autographen Quellen wertvolle Einsichten, insbesondere zu Besetzungsfragen. Zum einen ist v\u00f6llig evident, dass Dvo\u0159\u00e1k von Beginn an eine Besetzung auch mit Streichb\u00e4ssen, also Cello und Kontrabass vorsah, und diese nicht erst nachtr\u00e4glich hinzuf\u00fcgte (diese Auffassung findet sich gelegentlich in der Literatur, etwa in der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Serenade_for_Wind_Instruments_(Dvo%C5%99%C3%A1k)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aktuellen Fassung des englischen Wikipedia-Artikels<\/a>).<\/p>\n<p>Bereits in den Skizzen, die zahlreiche Instrumentierungshinweise enthalten, finden sich Angaben wie \u201eCello\u201c oder \u201eBassi\u201c \u2013 siehe das <a href=\"http:\/\/www.manuscriptorium.com\/apps\/index.php?direct=record&amp;pid=AIPDIG-NKCR__59_R_2151___3MPC450-cs#result-tabs-2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Digitalisat in der Tschechischen Nationalbibliothek<\/a>. Auch das Partiturautograph zeigt keinerlei Anzeichen einer sp\u00e4teren Erg\u00e4nzung der Streichersysteme \u2013 dies w\u00e4re angesichts der oft v\u00f6llig eigenst\u00e4ndigen Stimmf\u00fchrung v.a. des Cellos, etwa zu Beginn des Menuettos, auch nur schwer vorstellbar. Dvo\u0159\u00e1k w\u00fcnschte sogar eine sehr starke Besetzung der Streichb\u00e4sse \u2013 \u201emindestens zweifache Besetzung\u201c notierte er auf deutsch und tschechisch vor das System am Beginn der Partitur:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Autograph.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-9465 size-large\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Autograph-747x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"877\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Autograph-747x1024.jpg 747w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Autograph-219x300.jpg 219w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Autograph-768x1053.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2021\/06\/Serenade_Autograph.jpg 900w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Serenade op. 44, Partiturautograph, 1. Notenseite (Detail). Die Eintragungen mit Bleistift und Buntstift stammen vom Verlag Simrock, der die Erstausgabe ver\u00f6ffentlichte.<br \/>\n\u010cesk\u00e9 Muzeum Hudby, Fonds Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k, Signatur S 76\/1522. Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Nationalmuseums \u2013 Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k Museum, Prag<\/em><\/p>\n<p>Aus einem Zeitungsbericht zur Urauff\u00fchrung wissen wir, dass dort auch tats\u00e4chlich zwei Violoncelli und zwei Kontraba\u0308sse zum Einsatz kamen. Dass in der Erstausgabe dann letztlich nur jeweils ein Cello und Kontrabass genannt werden, k\u00f6nnte auf rein kaufm\u00e4nnische W\u00fcnsche des Simrock-Verlags zur\u00fcckgehen, um die Ausgabe besser verk\u00e4uflich zu machen. Hierf\u00fcr gibt es zwar keine brieflichen Belege, allerdings zu einem analogen Fall, in dem der Verleger eine andere Vereinfachung der Besetzung w\u00fcnschte: anstelle des Kontrafagotts \u2013 sicher kein ganz g\u00e4ngiges Instrument \u2013 schlug Fritz Simrock dem Komponisten ernsthaft die Verwendung einer Basstuba vor\u2026! Dvo\u0159\u00e1k antwortete hierauf: \u201eIch glaube, es w\u00e4re doch besser, wenn man in Ermangelung des Kontrafagotts schreibt: <em>Contrafagot ad libitum<\/em>. Tuba w\u00fcrde das zarte Kolorit der Bl\u00e4ser doch sehr beeintr\u00e4chtigen. Wer also das Fagott hat, soll\u2019s blasen, wer nicht, geht\u2019s ohne dem auch.\u201c Die Angabe \u201ead libitum\u201c kam also nur auf Dr\u00e4ngen des Verlags zustande, und Ensembles, die der urspr\u00fcnglichen Klangvorstellung des Komponisten m\u00f6glichst nahe kommen wollen, sollten einmal damit experimentieren, sowohl Kontrafagott als auch doppelte Streicher zu besetzen.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend sei noch auf ein Kuriosum der oben abgebildeten Besetzungsangabe hingewiesen: die beiden Fl\u00f6ten, die Dvo\u0159\u00e1k zuerst notierte und gleich wieder durchstrich, sind wohl aus blo\u00dfer Zerstreutheit hineingeraten; auch in den oben erw\u00e4hnten Skizzen findet sich kein einziger Hinweis auf dieses Instrument. Undenkbar w\u00e4ren Fl\u00f6ten in diesem Rahmen allerdings nicht gewesen: nur wenige Jahre vor Dvo\u0159\u00e1ks Serenade waren mit Franz Lachners Oktett op. 156 und Joachim Raffs <em>Sinfonietta<\/em> op. 188 zwei Werke f\u00fcr gro\u0308\u00dfere Bla\u0308serbesetzungen erschienen, in denen Fl\u00f6ten verwendet werden. Dvo\u0159\u00e1k h\u00e4tte diese Werke kennen k\u00f6nnen; vermutlich bevorzugte er aber doch den klassischen Serenadenklang Mozarts und Beethovens mit den f\u00fchrenden Oboen als Oberstimmen. Wer \u00fcbrigens in der gro\u00dfen Besetzung und dem Tonfall des traumhaften Andantes \u00c4hnlichkeiten zu Mozarts Gran Partita KV 361 sieht und darin eine Inspiration f\u00fcr Dvo\u0159\u00e1k vermutet, liegt sicher richtig \u2013 doch davon soll ein anderer Blogbeitrag handeln!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn in letzter Zeit Komponisten wie Debussy, Beethoven oder &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2021\/06\/07\/dvorak_blaeserserenade\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,731,815,536,88,3],"tags":[689,814,528],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9460"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9460"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9460\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9486,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9460\/revisions\/9486"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9460"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}