{"id":9642,"date":"2021-10-11T08:00:19","date_gmt":"2021-10-11T06:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=9642"},"modified":"2021-10-11T08:13:45","modified_gmt":"2021-10-11T06:13:45","slug":"dvoraks-gran-partita","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2021\/10\/11\/dvoraks-gran-partita\/","title":{"rendered":"Dvo\u0159\u00e1ks \u201eGran Partita\u201c? Zum mutma\u00dflichen Vorbild der Bl\u00e4serserenade d-moll op. 44"},"content":{"rendered":"<p>Bereits in meinem <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2021\/06\/07\/dvorak_blaeserserenade\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">letzten Blogbeitrag<\/a> berichtete ich von unserer j\u00fcngst erschienenen Neuausgabe der Bl\u00e4serserenade op. 44 von Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Bl%C3%A4serserenade+d-moll+op.+44_1234\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1234<\/a>) und stellte vor allem einige Details der Besetzung in den Mittelpunkt, zu denen die autographen Quellen und zeitgen\u00f6ssischen Konzertberichte interessante Aufschl\u00fcsse geben. Doch wieso entschied sich Dvo\u0159\u00e1k \u00fcberhaupt f\u00fcr ein so ungew\u00f6hnliches Ensemble von 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotten plus Kontrafagott, 3(!) H\u00f6rnern sowie Cello und Kontrabass? Denn im Entstehungsjahr 1878 war die Bl\u00fctezeit der gro\u00dfbesetzten Harmoniemusiken l\u00e4ngst Vergangenheit, und auch wenn insbesondere B\u00f6hmen mit Komponisten wie Krommer, Myslive\u010dek, Vanhal, Dru\u017eeck\u00fd, Neubauer, Fiala, Du\u0161ek u.v.m. zahllose Beitr\u00e4ge zu diesem Repertoire geliefert hatte, ist es unwahrscheinlich, dass Dvo\u0159\u00e1k diese Werke kannte und je geh\u00f6rt hatte.<!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_6498\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2021\/10\/Programmzettel-Konzert-17-11-1878.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-6498\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-6498\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2021\/10\/Programmzettel-Konzert-17-11-1878-178x300.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"421\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6498\" class=\"wp-caption-text\">Programmzettel des Konzerts im Prager Sophiensaal vom 17. November 1878, ausschlie\u00dflich Werken Dvo\u0159\u00e1ks gewidmet. An dritter Stelle die Bl\u00e4serserenade, die an diesem Abend ihre Urauff\u00fchrung erlebte. (Zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken)<\/p><\/div>\n<p>Eine gel\u00e4ufige und plausible Erkl\u00e4rung, die wohl auf Dvo\u0159\u00e1ks ersten Biographen Otakar \u0160ourek zur\u00fcckgeht, lautet, dass der Komponist w\u00e4hrend eines Aufenthalts in Wien in einem Konzert Mozarts sogenannte <em>Gran Partita<\/em> KV 361 (besetzt mit zw\u00f6lf Bl\u00e4sern und Kontrabass) h\u00f6rte und von diesem H\u00f6reindruck zu seiner eigenen Serenade angeregt wurde.<\/p>\n<p>Diese Annahme scheint nicht nur durch die starken Parallelen in der Besetzung plausibel (Dvo\u0159\u00e1k verzichtet nur auf die damals ungebr\u00e4uchlichen Bassetth\u00f6rner und das 4. Horn und verst\u00e4rkt die Bassgruppe durch Cello und Kontrafagott), sondern auch durch direkte musikalische Bez\u00fcge, etwa die \u00c4hnlichkeit des langsamen Satzes seiner Serenade mit dem ersten Adagio der <em>Gran Partita<\/em> (heute besonders ber\u00fchmt seit Milo\u0161 Formans Film <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wpH6yWqTDz8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Amadeus<\/em><\/a>).<\/p>\n<p>Wirklich sicher dokumentarisch belegt ist allerdings nur, dass Dvo\u0159\u00e1k um den Jahreswechsel 1877\/78 herum Wien besuchte und unmittelbar nach seiner R\u00fcckkehr nach Prag mit der Skizzierung und Niederschrift seiner Bl\u00e4serserenade begann. Laut den Datierungen in den autographen Quellen entstand das Werk in nur zwei Wochen zwischen dem 4. und 18. Januar 1878.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2021\/10\/Particell.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-6492 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2021\/10\/Particell.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"442\" \/><\/a><br \/>\nBl\u00e4serserenade op.44, Skizze; der Arbeitsbeginn ist mit 4. Januar 1878 datiert.<br \/>\nPrag, N\u00e1rodn\u00ed knihovna \u010cesk\u00e9 republiky, Signatur 59 R 2151 (<a href=\"http:\/\/www.manuscriptorium.com\/apps\/index.php?direct=record&amp;pid=AIPDIG-NKCR__59_R_2151___3MPC450-cs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">vollst\u00e4ndige Quelle ansehen<\/a>)<\/p>\n<p>Wann und wo h\u00e4tte Dvo\u0159\u00e1k also kurz vorher die <em>Gran Partita<\/em> h\u00f6ren k\u00f6nnen? Aus seiner Korrespondenz mit Johannes Brahms k\u00f6nnen wir dazu einige Hinweise entnehmen. Brahms war bekanntlich ein gro\u00dfer Freund der Musik Dvo\u0159\u00e1ks und f\u00f6rderte den j\u00fcngeren, damals noch wenig bekannten und mittellosen Kollegen nach allen Kr\u00e4ften. So hatte er sich daf\u00fcr eingesetzt, dass Dvo\u0159\u00e1k durch ein \u00f6sterreichisches Staatsstipendium finanziell abgesichert wurde, und er vermittelte ihn im Dezember 1877 \u00fcberdies an seinen eigenen Verleger Fritz Simrock, was dem tschechischen Komponisten bald gro\u00dfe Bekanntheit in Deutschland verschaffte.<\/p>\n<p>In zwei \u00fcberschwenglichen Dankesbriefen Dvo\u0159\u00e1ks an Brahms vom 3. und 19. Dezember 1877 ist allerdings noch keine Rede von einem Treffen oder einer geplanten Reise nach Wien. Am 23. Januar 1878 schreibt ihm Dvo\u0159\u00e1k dann jedoch:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">\u201eHochgeehrter Meister! Ich habe vor ungef\u00e4hr 3 Wochen meine beabsichtigte Reise nach Wien angetreten, um Euer Wohlgeboren f\u00fcr alle die mir erwiesenen Wohltaten meinen pers\u00f6nlichen Dank abzustatten. Es war mir sehr leid, da\u00df ich nicht das Vergn\u00fcgen hatte, Sie noch vor Ihrer Abreise nach Leipzig anzutreffen.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\"><em>Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k \u2013 Korrespondenz und Dokumente<\/em>, hrsg. von Milan Kuna u. a., Bd.1, Prag 1987, S.133 f.<\/p>\n<p>Es ist gesichert nachweisbar, dass Brahms Wien am 30. Dezember abends verlie\u00df und mit dem Nachtzug nach Leipzig reiste, wo er am n\u00e4chsten Vormittag eine Orchesterprobe leitete. Dvo\u0159\u00e1ks vergeblicher Besuch kann also fr\u00fchestens an diesem Abend stattgefunden haben. Tats\u00e4chlich stand genau an diesem Tag Mozarts <em>Gran Partita<\/em> auf dem Programm eines Mittagskonzerts der Wiener Philharmoniker, das Dvo\u0159\u00e1k zuvor h\u00e4tte h\u00f6ren k\u00f6nnen. Dies belegen mehrere Berichte in der Tagespresse ebenso wie das Konzertarchiv des Orchesters, siehe <a href=\"https:\/\/www.wienerphilharmoniker.at\/de\/konzerte\/4-abonnementkonzert\/1690\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">diesen Eintrag<\/a>.<\/p>\n<p>Aus einer zeitgen\u00f6ssischen Rezension l\u00e4sst sich zudem erschlie\u00dfen, dass nur drei S\u00e4tze der <em>Gran Partita<\/em> gespielt wurden, n\u00e4mlich die Ecks\u00e4tze und genau das Adagio, das im Charakter Dvo\u0159\u00e1ks eigenem langsamen Satz so \u00e4hnelt:<br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-6493\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2021\/10\/Signale1878.jpg\" alt=\"\" width=\"1026\" height=\"343\" \/><br \/>\n<em>Signale f\u00fcr die musikalische Welt<\/em> 1878, Nr. 6, S. 86<\/p>\n<p>Ein weiteres eigent\u00fcmliches Indiz spricht ebenfalls f\u00fcr Dvo\u0159\u00e1ks Konzertbesuch: Laut einem Zeitungsbericht wurde die Gran Partita in der besagten Auff\u00fchrung mit Kontrafagott sowie zus\u00e4tzlich Kontrabass und Celli (sic) besetzt:<br \/>\n<em><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-6495 alignnone\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2021\/10\/DiePresse1878.jpg\" alt=\"\" width=\"508\" height=\"290\" \/><\/em><br \/>\n<em>Die Presse<\/em>, 8. Januar 1878, S. 2<\/p>\n<p>Diese ungew\u00f6hnlich starke Bassgruppe findet sich genau in dieser Form in Dvo\u0159\u00e1ks Autograph der Serenade wieder (in der Erstausgabe ist dann nur noch 1 Cello vorgesehen), so dass eine direkte Vorbildfunktion der Auff\u00fchrung gut denkbar ist.<\/p>\n<p>Einen Pferdefu\u00df gibt es blo\u00df bei dieser Theorie: in genau demselben Mittagskonzert am 30. Dezember wurde auch Brahms\u2019 2. Symphonie D-dur uraufgef\u00fchrt, in Anwesenheit des Komponisten\u2026! Wenn Dvo\u0159\u00e1k dieses Konzert besuchte, h\u00e4tte er sich dann wirklich die Gelegenheit eines kurzen \u201eshake-hands\u201c mit Brahms, dem eigentlichen Ziel seiner Reise, entgehen lassen? Und selbst wenn der zur\u00fcckhaltende Dvo\u0159\u00e1k diese Kontaktaufnahme vermieden haben sollte \u2013 h\u00e4tte er dann nicht wenigstens in seinem oben zitierten Brief ein h\u00f6fliches Wort \u00fcber die neue Symphonie verloren? Er erw\u00e4hnt sie mit keiner Silbe, stattdessen berichtet er nur von einer Auff\u00fchrung von Brahms\u2019 d-moll-Klavierkonzert in Prag.<\/p>\n<p>So bleiben doch noch Zweifel daran, dass Dvo\u0159\u00e1k die <em>Gran Partita<\/em> wirklich bei diesem Anlass live geh\u00f6rt hat, falls es nicht doch vielleicht eine weitere Auff\u00fchrung in den Tagen nach dem 29. Dezember gegeben hat. Oder las Dvo\u0159\u00e1k nachtr\u00e4glich die Konzertbesprechung und besorgte sich aus Interesse die Noten zum eigenen Studium? Eine Neuausgabe war immerhin erh\u00e4ltlich, die Partitur war im Dezember 1861 bei Breitkopf und H\u00e4rtel erschienen.<br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-6496 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2021\/10\/Hofmeister1861.jpg\" alt=\"\" width=\"539\" height=\"460\" \/><br \/>\n<em>Hofmeisters Monatsberichte<\/em>, Dezember 1861, S. 218<\/p>\n<p>Bis zum Auffinden weiterer Dokumente muss die Frage also offenbleiben \u2013 sicher ist nur eines: dass es kaum einen w\u00fcrdigeren Nachfolger f\u00fcr die <em>Gran Partita<\/em> gibt als Dvo\u0159\u00e1ks Bl\u00e4serserenade op. 44\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits in meinem letzten Blogbeitrag berichtete ich von unserer j\u00fcngst &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2021\/10\/11\/dvoraks-gran-partita\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[815,315,423,536,3,303,24,408],"tags":[814,528,34],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9642"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9642"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9642\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9651,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9642\/revisions\/9651"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9642"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9642"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9642"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}