{"id":9782,"date":"2022-01-31T08:00:59","date_gmt":"2022-01-31T07:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=9782"},"modified":"2022-02-01T11:13:41","modified_gmt":"2022-02-01T10:13:41","slug":"allerneueste-erkenntnisse-zu-mozarts-klaviersonate-a-dur-kv-331","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/01\/31\/allerneueste-erkenntnisse-zu-mozarts-klaviersonate-a-dur-kv-331\/","title":{"rendered":"Allerneueste Erkenntnisse zu Mozarts Klaviersonate A-dur KV 331"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_9783\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/Mozart-1783-lange.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9783\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-9783\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/Mozart-1783-lange.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"252\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/Mozart-1783-lange.jpg 467w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/Mozart-1783-lange-234x300.jpg 234w\" sizes=\"(max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9783\" class=\"wp-caption-text\">W. A. Mozart (1756\u20131791)<\/p><\/div>\n<p>\u201eAller guten Dinge sind drei\u201c \u2013 diese Redewendung fiel mir ein, als ich mich an folgenden Text setzte. Denn zu Mozarts ber\u00fchmter \u201eAlla Turca\u201c-Klaviersonate in A-dur habe ich hier im Henle-Blog schon zweimal geschrieben: <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/05\/25\/die-musikwelt-wird-staunen-zur-neuen-urtextausgabe-von-mozarts-klaviersonate-a-dur-kv-331\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><u>Nummer 1<\/u><\/a> behandelte den sensationellen Budapester Fund des Mozartschen Teilautographs der Sonate und die editorischen Konsequenzen daraus. Diese f\u00fchrten schlussendlich zu unserer revidierten Neuausgabe. <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/10\/26\/weitere-neue-erkenntnisse-zum-autograph-der-klaviersonate-a-dur-kv-331\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><u>Nummer 2<\/u><\/a> entwirrte erstmals die bis dahin falsch interpretierten Wiederholungsanweisungen auf Mozarts autographer letzter Seite des \u201eRondo Alla Turca\u201c. Und nun <u>Nummer 3<\/u>: In der Zwischenzeit ist doch tats\u00e4chlich eine bislang v\u00f6llig unbekannte Kopistenabschrift der Sonate aus Mozarts Zeit (!) aufgetaucht. <!--more-->Welche erneuten editorischen Konsequenzen das f\u00fcr den Henle-Urtext (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klaviersonate+A-dur+KV+331+%28Alla+Turca%29_1300\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1300<\/a>) hatte \u2013 n\u00e4mlich wenige \u2013 und wie schief man diesen Quellenfund in einem anderen Verlag bewertet \u2013 n\u00e4mlich beim B\u00e4renreiter Verlag \u2013 darum geht es nun in aller gebotenen K\u00fcrze.<\/p>\n<p>Es war eines meiner spannendsten Erlebnisse in den letzten Jahren als Editor bei Henle: Ende 2016 wurde ich von dem M\u00fcnchener Auktionshaus Zisska &amp; Lacher eingeladen, eine v\u00f6llig unbekannte Kopistenabschrift der A-dur-Sonate zu evaluieren. Ich autopsierte und beschrieb die Quelle eingehend und zog zur Frage der Datierung der undatierten Quelle den weltweit besten Kenner des Themenkomplexes: \u201eKopisten des 18. Jahrhunderts\u201c hinzu, n\u00e4mlich den Musikwissenschaftler Dexter Edge. Er erkannte tats\u00e4chlich die anonyme Wiener Hand und datierte das Manuskript zuverl\u00e4ssig auf \u201esp\u00e4testens Anfang der 1780er-Jahre\u201c. Das Auktionshaus verfasste auf Basis unserer beider Vorarbeit seine ausf\u00fchrliche Quellen-W\u00fcrdigung f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/issuu.com\/schauer\/docs\/katalog_68_web_p1\/23\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Katalog<\/a> (S. 13\u201315, Lot 34). Die Abschrift wurde schlie\u00dflich in die USA verkauft, der Eigent\u00fcmer (Christopher J. Salmon) \u00fcberlie\u00df mir gro\u00dfz\u00fcgig Farbscans der Quelle.<\/p>\n<p>Ich stellte die spannende Quelle mit ausf\u00fchrlicher Beschreibung, einigen Abbildungen und mit minuti\u00f6ser Quellenbewertung im Sommer 2018 auf dem Prager Mozart-Kongress erstmals den Fachkollegen vor; inzwischen ist der <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/j.ctv1jpf68s\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vortrag<\/a> erschienen (<em>Zu einer bislang unbekannten zeitgen\u00f6ssischen Abschrift von Mozarts Klaviersonate A-Dur KV 331<\/em>, in: Mozart Studien 27, Wien 2020, S. 193\u2013213).<\/p>\n<p>Es gen\u00fcgt an dieser Stelle festzustellen, dass diese neu aufgetauchte Kopistenabschrift aus dem Blickwinkel des Urtextherausgebers durchaus von Relevanz und Bedeutung ist, aber leider nicht so spektakul\u00e4r wie zun\u00e4chst erhofft. Warum? Weil sie entweder unmittelbar von Mozarts Autograph oder, wahrscheinlicher, von einer Kopie des Autographs abgeschrieben wurde und keinerlei Eintragungen (etwa von Mozart selbst) enth\u00e4lt. Weil aber Mozarts Autograph bekanntlich nur teilweise \u00fcberliefert ist (siehe mein Blog, Nummer 1), ersetzt uns die Kopie recht ordentlich die fehlenden Teile des Autographs. \u201eRecht ordentlich\u201c deswegen, weil die Abschrift Schreibfehler und etliche Fl\u00fcchtigkeiten enth\u00e4lt \u2013 wie der minuti\u00f6se Vergleich mit den zur Verf\u00fcgung stehende Teilen des Autographs beweist. Den Quellenwert der neuen Abschrift noch einmal andersherum zusammengefasst: W\u00e4re Mozarts Autograph von KV 331 vollst\u00e4ndig \u00fcberliefert, h\u00e4tte die neue Quelle keinerlei editorische Bedeutung. So aber hilft sie uns sehr, die verlorenen Teile ann\u00e4hernd zu ersetzen.<\/p>\n<p>Ich habe alle sich aus der neuen Quelle ergebenden Erkenntnisse in die nun erneut revidiert vorgelegte Urtextausgabe \u00a9 2021 eingearbeitet (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klaviersonate+A-dur+KV+331+%28Alla+Turca%29_1300\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1300<\/a>). \u00dcberdies habe ich s\u00e4mtliche Lesarten und Auff\u00e4lligkeiten aller Quellen in einem sehr ausf\u00fchrlichen download-\u201e<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/HN_1300_B_Bemerkungen_Internet.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kritischen Bericht<\/a>\u201c dargestellt.<\/p>\n<p>Die wenigen neuen (!), f\u00fcr jeden Klavierspieler sicherlich interessanten Lesarten, die sich aus der Kopistenabschrift ergeben, sind in den Hauptnotentext der neuen Urtextausgabe oder in eine Fu\u00dfnotenbemerkung eingeflossen. Hier seien sie f\u00fcr meine Blog-Leser zusammengefasst (<strong>AB<\/strong> = Abschrift, <strong>A<\/strong> = Autograph, <strong>EA<\/strong> = Erstausgabe):<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"37\"><strong>Satz<\/strong><\/td>\n<td width=\"47\"><strong>Takt<\/strong><\/td>\n<td width=\"161\"><strong>Stelle<\/strong><\/td>\n<td width=\"260\"><strong>Bemerkung<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\">1<\/td>\n<td width=\"47\">1<\/td>\n<td width=\"161\">Anfang<\/td>\n<td width=\"260\">AB: \u201esotto voce\u201c (A verloren), <em>(siehe Abbildung 1)<\/em><br \/>\nEA \u201ep\u201c statt \u201esotto voce\u201c.<br \/>\nText aus EA \u00fcbernommen, AB in Fu\u00dfnotenbemerkung, denn kein Stecher \u00e4ndert derartiges \u201eaus freien St\u00fccken\u201c.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\">1<\/td>\n<td width=\"47\">26<\/td>\n<td width=\"161\">oben, 3. Achtelnote, untere Note des Akkords<\/td>\n<td width=\"260\">AB: d1 (A verloren),<br \/>\nEA: e1.<br \/>\nText aus AB \u00fcbernommen, EA in Fu\u00dfnotenbemerkung und im Apparat kommentiert, weil Stichfehler in EA anzunehmen ist.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\">1<\/td>\n<td width=\"47\">29<\/td>\n<td width=\"161\">oben, 4.letzte 16tel-Note<\/td>\n<td width=\"260\">AB: h1 (A verloren),<br \/>\nEA: gis1.<br \/>\nAB als Schreibfehler bewertet (A d\u00fcrfte gis1 haben), weil Akkord abweichend von z.B. T. 11); Lesart von AB in Fu\u00dfnotenbemerkung.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\">1<\/td>\n<td width=\"47\">48<\/td>\n<td width=\"161\">unten, letzte Note<\/td>\n<td width=\"260\">AB mit Unteroktave (A verloren), <em>(siehe Abbildung 2)<\/em><br \/>\nEA: nur e1.<br \/>\nText aus AB \u00fcbernommen (A d\u00fcrfte Oktave haben), EA in Fu\u00dfnotenbemerkung und im Apparat kommentiert, weil Stichfehler in EA vermutet.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\">1<\/td>\n<td width=\"47\">54<\/td>\n<td width=\"161\">oben, 9. Note<\/td>\n<td width=\"260\">AB: d1 (A verloren),<br \/>\nEA: e1.<br \/>\nText aus AB \u00fcbernommen (A d\u00fcrfte d1 haben), EA in Fu\u00dfnotenbemerkung und im Apparat kommentiert, weil vermutlich Stichfehler in EA.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\"><\/td>\n<td width=\"47\"><\/td>\n<td width=\"161\"><\/td>\n<td width=\"260\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\">2<\/td>\n<td width=\"47\">65<\/td>\n<td width=\"161\">Ganzer Takt<\/td>\n<td width=\"260\">Takt fehlt (!) in AB (A verloren); <em>(siehe Abbildung 3)<\/em><br \/>\nEA mit sicherlich korrektem Text.<br \/>\nK\u00f6nnte (!) nicht AB hier eine Fr\u00fchfassung von A \u00fcberliefern? (W\u00e4re musikalisch immerhin m\u00f6glich).<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\">2<\/td>\n<td width=\"47\">82\/83 und 83\/84<\/td>\n<td width=\"161\">Unten<\/td>\n<td width=\"260\">Halteb\u00f6gen \u00fcber Taktstrich nur in AB (A verloren); Bemerkung im Apparat<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\"><\/td>\n<td width=\"47\"><\/td>\n<td width=\"161\"><\/td>\n<td width=\"260\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\">3<\/td>\n<td width=\"47\">1<\/td>\n<td width=\"161\">\u00dcberschrift<\/td>\n<td width=\"260\">AB: \u201eAllegrino\u201c, kein \u201eAlla Turca\u201c (A verloren, d\u00fcrfte identisch mit AB sein);<br \/>\nEA: \u201eAlla Turca\u201c, was wir zusammen mit \u201eAllegrino\u201c (mit Fu\u00dfnotenbemerkung und ausf\u00fchrlichem Kommentar im Apparat) \u00fcbernommen haben.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"37\">3<\/td>\n<td width=\"47\">42<\/td>\n<td width=\"161\">Oben<\/td>\n<td width=\"260\">AB mit Bogen zu 16tel-Noten des 1. und zu 2. 4tel (A verloren);<br \/>\nEA keine B\u00f6gen.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<div id=\"attachment_9789\" style=\"width: 547px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_Sotto-voce.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9789\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9789 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_Sotto-voce.jpg\" alt=\"\" width=\"537\" height=\"208\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_Sotto-voce.jpg 537w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_Sotto-voce-300x116.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 537px) 100vw, 537px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9789\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 1: Ausschnitt aus AB, Beginn 1. Satz.<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_9787\" style=\"width: 333px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_1.-Satz_T.-48.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9787\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9787 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_1.-Satz_T.-48.jpg\" alt=\"\" width=\"323\" height=\"161\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_1.-Satz_T.-48.jpg 323w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_1.-Satz_T.-48-300x150.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 323px) 100vw, 323px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9787\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 2: Ausschnitt aus AB; 1. Satz, T. 48.<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_9788\" style=\"width: 531px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_2.-Satz_T.-62-66-ohn-T.-65.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9788\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9788 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_2.-Satz_T.-62-66-ohn-T.-65.jpg\" alt=\"\" width=\"521\" height=\"164\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_2.-Satz_T.-62-66-ohn-T.-65.jpg 521w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_2.-Satz_T.-62-66-ohn-T.-65-300x94.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 521px) 100vw, 521px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9788\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 3: Ausschnitt aus AB; 2. Satz, T. 62-66, ohne T. 65.<\/p><\/div>\n<p>Bevor Sie nun aber diese Hinweise in Ihre textlich \u00fcberholte Notenausgabe \u00fcbertragen, empfehle ich den Erwerb der neuen Henle Urtext-Ausgabe <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klaviersonate+A-dur+KV+331+%28Alla+Turca%29_1300\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1300<\/a> \u00a9 2021, mit vollst\u00e4ndig korrektem Notentext, ausf\u00fchrlichem Vorwort und knappem Kritischen Apparat.<\/p>\n<p>Auch wenn es der Herausgeber der B\u00e4renreiter-Ausgabe der A-dur-Sonate (BA 11816, \u00a9 2020) v\u00f6llig anders \u2013 und meines Erachtens v\u00f6llig falsch \u2013 sieht, so muss abschlie\u00dfend betont werden, dass professionelle Quellenkritik an folgenden Tatsachen nicht vorbeikommt: Die handschriftliche \u00dcberlieferung der drei Klaviersonaten KV 330\u2013332 (Autographe und die neue Kopistenabschrift von KV 331) dokumentiert die \u00dcberlieferungsstufe \u201e1\u201c der Sonaten. Mit Erscheinen der textlich \u00fcberarbeiteten Erstausgabe bei Artaria (Wien, 1784) liegt Stufe 2 und damit die \u201eFassung letzter Hand\u201c vor. Denn:<\/p>\n<ul>\n<li>Mozart hat die Stichvorlage f\u00fcr Artaria, und damit die Erstausgabe als solche nachweislich autorisiert.<\/li>\n<li>die Textver\u00e4nderungen des Drucks gegen\u00fcber den Autographen von KV 330 und 332 sind zum Teil bedeutsam und m\u00fcssen in stilistischer Hinsicht einzig und allein Mozart zugeschrieben werden (in der A-dur-Sonate sind Mozarts Verbesserungen gegen\u00fcber Stufe 1 letztlich marginal).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zu (1): <strong>Quellen- und Textkritik<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Mozarts Korrekturen enthaltenden Stichvorlagen zu KV 330\u2013332 sind verschollen. Die zum Teil markanten Textabweichungen der Erstausgabe gegen\u00fcber der autographen bzw. abschriftlichen \u00dcberlieferung m\u00fcssen zwangsl\u00e4ufig in dem \u201emissing link\u201c der Stichvorlage stehen. Das nicht-zur-Verf\u00fcgung-Stehen dieses \u201emissing link\u201c ist der Normalfall fast jeder Mozart-Edition. Bei der Bewertung der Erstausgabe als Quelle geht es, wie bei aller Quellenkritik, einzig und allein um die Beweisf\u00fchrung der Autorisation der Quelle\/n. Und diese wird in aller Regel bei Fehlen beweishaltiger Dokumente \u00fcber die Plausibilit\u00e4t von Indizien gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Im Falle von KV 330\u2013332 liegt der Fall denkbar einfach und klar vor uns: Mozart selbst hat seine handschriftlichen Stichvorlagen f\u00fcr den Stich\/Druck der Sonaten an Artaria geschickt oder bei ihm vorbeigebracht: \u201eNun habe ich die 3 Sonaten auf clavier allein \u2026 dem Artaria zu Stechen gegeben\u201c (<a href=\"https:\/\/dme.mozarteum.at\/DME\/briefe\/letter.php?mid=1366&amp;cat=3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Brief<\/a> vom 12. Juni 1784 an seinen Vater nach Salzburg). Mehr Autorisierung geht kaum.<\/p>\n<p>Dass die Erstausgabe markante Stichfehler enth\u00e4lt, ist nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt kein Argument gegen deren Quellenwert, sondern allein Beweis daf\u00fcr, dass Mozart die Korrekturfahnen nicht interessiert haben \u2013 was im \u00dcbrigen ebenfalls in der Mozart-Edition notorisch der Fall ist. Und selbst wenn, rein hypothetisch (!), die Textabweichungen der Erstausgabe gegen\u00fcber dem Autograph auf eine\/n Dritte\/n zur\u00fcckgehen sollten \u2013 der Name von Josepha Aurnhamer f\u00e4llt spekulativ im Vorwort des B\u00e4renreiter-Herausgebers \u2013 dann muss das mit der Zustimmung des Autors Mozart geschehen sein, denn, ich wiederhole mich gerne: Er selbst hat sie \u201ezu[m] Stechen gegeben\u201c und damit den Textstand von Artarias Druck autorisiert.<\/p>\n<p>Diese Quellenbewertung hat freilich Konsequenzen: Sofern n\u00e4mlich kein evidenter Fehler der Erstausgabe oder eine grobe Ungenauigkeit vorliegt, was durch Vergleich mit dem (Teil)Autograph und\/oder der Kopistenabschrift nachgewiesen werden kann, so weist der Druck den besseren, in den Urtext zu \u00fcbernehmenden Notentext auf; die handschriftliche Lesart ist dann schlicht \u00fcberholt, weil Vorgeschichte (Stufe 1).<\/p>\n<p>Um nur ein Beispiel zu geben: Wenn in der Erstausgabe dynamische Zeichen stehen, die im Autograph NOCH fehlen, dann muss das auf Mozarts Eingriff in der (verlorenen) Stichvorlage zur\u00fcckgehen, philologisch gesprochen sind solche Erg\u00e4nzungen also autorisiert (z.B. 1. Satz, Takte 28\u201330; 2. Satz, Takte 19 und 20).<\/p>\n<div id=\"attachment_9790\" style=\"width: 785px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_1.-Satz_T.-27-30.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9790\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9790 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_1.-Satz_T.-27-30.jpg\" alt=\"\" width=\"775\" height=\"182\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_1.-Satz_T.-27-30.jpg 775w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_1.-Satz_T.-27-30-300x70.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/AB_1.-Satz_T.-27-30-768x180.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 775px) 100vw, 775px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9790\" class=\"wp-caption-text\">Abschrift, 1. Satz, T. 27-30 ohne Dynamikangaben.<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_9791\" style=\"width: 664px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/EA_1.-Satz_T.-27-30.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9791\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9791 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/EA_1.-Satz_T.-27-30.jpg\" alt=\"\" width=\"654\" height=\"132\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/EA_1.-Satz_T.-27-30.jpg 654w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/EA_1.-Satz_T.-27-30-300x61.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 654px) 100vw, 654px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9791\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe, 2. Satz, T. 27-30 mit Dynamikangaben.<\/p><\/div>\n<p>Dennoch bleibt Mozarts Handschrift und zum Teil auch die neue Kopistenabschrift von h\u00f6chstem Quellenwert. Denn mit Hilfe dieser insgesamt \u00fcberwundenen Stufe 1 k\u00f6nnen wir vermutliche und gesicherte Fehler des Drucks durch minuti\u00f6sen Vergleich aufkl\u00e4ren und richtigstellen. (Und daf\u00fcr gibt es auch im Falle von KV 331 spektakul\u00e4re Beispiele, ich erinnere nur an den <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/05\/25\/die-musikwelt-wird-staunen-zur-neuen-urtextausgabe-von-mozarts-klaviersonate-a-dur-kv-331\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">falschen Ton in Takt 3 des Menuetts<\/a>). Die f\u00fcr uns Editoren verbindliche \u201eFassung letzter Hand\u201c steht jedoch sicher im Druck der Erstausgabe. (Eine Quellenwiedergabe beider Entwicklungsstufen \u2013 wie kurioserweise bei B\u00e4renreiter der Fall \u2013 ist nicht nur f\u00fcr jeden Pianisten verwirrend, sondern schlicht eine grobe editorische Fehlentscheidung.)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Zu (2): <strong>Stilkritik<\/strong>.<\/p>\n<p>Es bedarf zwar keinerlei weiterer Unterst\u00fctzung der unter (1) dargestellten, v\u00f6llig zweifelsfreien Quellenbewertung und ihrer Pr\u00e4missen, aber auch text- und stilkritische Argumente belegen den gegen\u00fcber der handschriftlichen \u00dcberlieferung h\u00f6heren Quellenwert der Erstausgabe von 1784. Das betrifft zwar nur marginal die A-dur-Sonate (am auff\u00e4lligsten wohl in der sehr markanten \u201eAlla Turca\u201c-\u00dcberschrift zum dritten Satz). Gravierende Abweichungen und Verbesserungen finden sich jedoch im Erstdruck der beiden Schwester-Sonaten in C-dur KV 330 und in F-dur KV 332 gegen\u00fcber deren handschriftlichen Vorl\u00e4ufern. Nur zwei bemerkenswerte Stellen seien als Beweis f\u00fcr Mozarts nachtr\u00e4gliche \u00dcberarbeitung, notiert in der verschollenen Stichvorlage f\u00fcr Artaria, herangezogen:<\/p>\n<ul>\n<li>KV 330: Die wundervolle Musik der Schlusstakte des langsamen Satzes (T. 61 mit Auftakt bis T. 64) fehlt im Autograph noch v\u00f6llig, sie steht erst in der Erstausgabe. Wer k\u00f6nnte eine solch ber\u00fchrende, epiloghafte Musik komponiert haben, wenn nicht Mozart selbst?\n<p><div id=\"attachment_9800\" style=\"width: 509px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/KV-330_EA_2.-Satz-Schluss-2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9800\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-9800\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/KV-330_EA_2.-Satz-Schluss-2.jpg\" alt=\"\" width=\"499\" height=\"134\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/KV-330_EA_2.-Satz-Schluss-2.jpg 499w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/KV-330_EA_2.-Satz-Schluss-2-300x81.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 499px) 100vw, 499px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9800\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe KV 330: Ende des 2. Satzes.<\/p><\/div><\/li>\n<li>KV 332: Die ausgeschriebenen Verzierungen der Wiederholungsteile (T. 21\u201340) im langsamen Satz k\u00f6nnen ebenfalls auf keinen anderen Autoren als Mozart selbst zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.\n<p><div id=\"attachment_9793\" style=\"width: 1090px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/KV-332-T.-21-ff.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9793\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9793 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/KV-332-T.-21-ff.jpg\" alt=\"\" width=\"1080\" height=\"720\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/KV-332-T.-21-ff.jpg 1080w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/KV-332-T.-21-ff-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/KV-332-T.-21-ff-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/01\/KV-332-T.-21-ff-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1080px) 100vw, 1080px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9793\" class=\"wp-caption-text\">KV 332: Gegen\u00fcberstellung Autograph und Erstausgabe.<\/p><\/div><\/li>\n<\/ul>\n<p>Noch einmal sei also abschlie\u00dfend zusammengefasst: Mozarts Autograph der A-dur-Sonate (Stufe 1) wurde vermutlich zum Zwecke des Unterrichts (vielleicht mehrfach) abgeschrieben. Eine dieser Wiener Kopien ist nun aufgetaucht und dank des Eigent\u00fcmers zug\u00e4nglich. Vor der Drucklegung \u00fcberarbeitete Mozart den Text aller drei Klaviersonaten KV 330, 331 und 332 mehr oder weniger stark (Stufe 2) und \u00fcbersandte nachgewiesenerma\u00dfen die entsprechend von ihm pr\u00e4parierten Stichvorlagen. Eine seri\u00f6se Urtextausgabe der Sonaten zieht also die handschriftliche und die gedruckte \u00dcberlieferung zur Erstellung des besten Textes heran, indem auf Basis der autorisierten \u201eFassung letzter Hand\u201c (= Erstausgabe Artaria 1784) ediert wird, d.h. deren Stichfehler und Fl\u00fcchtigkeiten im strengen Textvergleich emendiert und im \u201eKritischen Bericht\u201c kommentiert werden.<\/p>\n<p>Haben Sie Gedanken zu diesem Thema? Dann nutzen Sie gerne den Kommentarteil zu diesem Blog.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Dass deren Herausgeber meine publizierten Forschungsergebnisse zur neuen Kopistenabschrift in seiner sich sonst so ungemein wissenschaftlich gebenden Ausgabe mit keinem Wort erw\u00e4hnt, ist verglichen damit nur schlechter Stil.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAller guten Dinge sind drei\u201c \u2013 diese Redewendung fiel mir &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/01\/31\/allerneueste-erkenntnisse-zu-mozarts-klaviersonate-a-dur-kv-331\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[400,301,509,3,303,407,102],"tags":[531],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9782"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9782"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9782\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9802,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9782\/revisions\/9802"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9782"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9782"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9782"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}