{"id":987,"date":"2012-09-17T08:00:41","date_gmt":"2012-09-17T06:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=987"},"modified":"2015-05-20T11:00:31","modified_gmt":"2015-05-20T09:00:31","slug":"skrjabin-spielt-skrjabin-ist-das-finale-der-3-sonate-zu-schwer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/09\/17\/skrjabin-spielt-skrjabin-ist-das-finale-der-3-sonate-zu-schwer\/","title":{"rendered":"Skrjabin spielt Skrjabin- Ist das Finale der 3. Sonate zu schwer?"},"content":{"rendered":"<p>Alexander Skrjabin (1872\u20131915) war nicht nur einer der herausragenden Komponisten im Russland um 1900. Er trat auch immer wieder als Pianist \u00f6ffentlich auf \u2013 vornehmlich als Interpret seiner eigenen Werke. Seine Kompositionen geh\u00f6ren inzwischen zum festen Bestandteil des Konzertrepertoires, aber auch von seinem Klavierspiel k\u00f6nnen wir uns noch heute ein Bild machen. <!--more-->Zweimal, 1908 und 1910 lie\u00df Skrjabin Aufnahmen seines Spiels am mechanischen Klavier anfertigen. 1908 fand eine Aufnahmesitzung bei der Firma Hupfeld in Leipzig statt, 1910 lie\u00df sich Skrjabin von Welte-Mignon in Moskau auf Klavierrollen bannen (allen, die sich genauer mit den verschiedenen Aufnahmetechniken und Firmen auseinandersetzen wollen, sei dieser <a href=\"http:\/\/www.pianola.org\/index.cfm\" target=\"_blank\">Link zum Pianola Institute<\/a> empfohlen). Skrjabin war von dem Ergebnis offenbar angetan. In einer Werbebrosch\u00fcre der Firma Hupfeld findet sich folgendes vom Komponisten unterzeichnetes Billet, das eine Notiz Skrjabins zitiert:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/09\/reproducingjpgs_scriabin2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-973\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/09\/reproducingjpgs_scriabin2.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"290\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/09\/reproducingjpgs_scriabin2.jpg 480w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/09\/reproducingjpgs_scriabin2-300x181.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a>\u201eIch glaube sicher, dass dem Phonola-Piano die Zukunft geh\u00f6rt, da es in k\u00fcnstlerischer Beziehung keinen Wunsch offen l\u00e4sst.\u201c<\/p>\n<p>Neben vielen k\u00fcrzeren Werken (Et\u00fcden, Pr\u00e4ludien, Mazurken, Po\u00e8mes) entstand so 1908 eine Aufzeichnung seiner Interpretation der 2. und der <a href=\"http:\/\/www.pianolist.org\/music\/scriabin_sonata3_2.mp3\" target=\"_blank\">3. Klaviersonate (Bsp.: 3. und 4. Satz)<\/a>.<\/p>\n<p>Die moderne Skrjabin-Forschung hat diese Aufnahmen wiederentdeckt und sie wissenschaftlich genau analysiert. Auch neuere Editionsprojekte kommen ohne Bezugnahme auf die Klavierrollen nicht mehr aus. Wenn es darum geht, Quellen f\u00fcr ein Werk zu untersuchen, geh\u00f6ren dazu neben Handschriften und Drucken selbstverst\u00e4ndlich auch Tonquellen (soweit vorhanden), also Aufnahmen durch den Komponisten pers\u00f6nlich. Auch die j\u00fcngst im Henle-Verlag erschienene <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klaviersonate+Nr.+3+fis-moll+op.+23_1109\" target=\"_blank\">Ausgabe der 3. Klaviersonate <\/a>nimmt auf die Hupfeld-Aufnahme aus dem Jahr 1908 Bezug. Unsere Herausgeberin Valentina Rubcova hat diese Tonquelle mithilfe einer Transkription (hrsg. von Pawel Lobanow, Moskau: Musyka 2010) sorgf\u00e4ltig ausgewertet und dabei jeweils abgewogen, ob die Abweichungen gegen\u00fcber den anderen Quellen \u2013 Hauptquelle ist die autorisierte Erstausgabe \u2013 Auswirkungen auf den edierten Notentext haben. Denn: Skrjabin spielt so manches anders als es die Erstausgabe vorschreibt.<\/p>\n<p>Viele der Abweichungen sind Kleinigkeiten und vermutlich aus dem Moment der Auff\u00fchrung entstanden. So \u201efehlen\u201c teilweise in Akkorden F\u00fcllstimmen; oder umgekehrt, Skrjabin f\u00fcgt Zusatznoten hinzu. Mindestens zwei Stellen verdienen aber besondere Erw\u00e4hnung. Im 1. Satz \u00fcberspringt der Komponist die Takte 116\u2013119 und verk\u00fcrzt das Werk somit um 4 Takte. Absicht oder Versehen? Zugegeben, die Takte 117\u2013119 wiederholen ziemlich w\u00f6rtlich, was bereits in T. 113\u2013115 gesagt wurde \u2013 aber sind sie daher verzichtbar? Die Aufnahme scheint das nahezulegen.<\/p>\n<p>Fast noch interessanter ist die Aufnahme des Finalsatzes. Eigentlich unh\u00f6rbar greift der Komponist in die Begleitfigur der linken Hand ein. Die rollenden Akkordbrechungen sind unter Pianisten gef\u00fcrchtet und im vorgeschriebenen Tempo tats\u00e4chlich halsbrecherisch. Skrjabin \u00e4ndert wenig: Einige der Wechselnoten tauscht er durch Tonrepetitionen aus \u2013 durch diesen Kniff spielt sich die Passage tats\u00e4chlich leichter (im folgenden Beispiel steht oben, was Skrjabin spielt und im unteren System die Fassung der Erstausgabe):<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/09\/scrjabin.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-970\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/09\/scrjabin.jpg\" alt=\"\" width=\"566\" height=\"114\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die \u201eerleichterte Fassung\u201c ist nicht nur auf den Hupfeld-Rollen dokumentiert \u2013 auch Skrjabins Zeitgenosse Nikolai Schiljajew berichtet in der Einleitung zu seiner 1924 erschienen Ausgabe der 3. Sonate, Skrjabin habe jene leichtere Figur gespielt. Schlie\u00dflich existiert sogar eine autographe Quelle, die die leichteren Tonrepetitionen \u00fcberliefert. Ein Skizzenblatt (\u00dcbertragung der Skizze siehe Beispiel unten) deutet daraufhin, dass Skrjabin die Figur urspr\u00fcnglich um jene Tonwiederholungen herum entwarf:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/09\/HN_1109_NB_1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-983\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/09\/HN_1109_NB_1.jpg\" alt=\"\" width=\"339\" height=\"148\" \/><\/a>Welche Schl\u00fcsse soll man nun daraus ziehen? Ist das Finale zu schwer \u2013 wo es doch offenbar nicht einmal der Komponist selbst in der ver\u00f6ffentlichten Form spielen konnte? Sollte man also den Notentext der Edition entsprechend \u00e4ndern?<\/p>\n<p>Wohl kaum. So wichtig Tonquellen als Dokumente sein m\u00f6gen (und je weiter wir in die Musik des 20. Jahrhunderts eindringen, desto \u00f6fter werden wir damit zu tun haben, vgl. etwa <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/media\/foreword\/0858.pdf\" target=\"_blank\">Vorwort<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/media\/review\/0858.pdf\" target=\"_blank\">Bemerkungen<\/a> der Edition der Preludes von Gershwin, HN 858), sie haben einen anderen Status als handschriftliche oder gedruckte Quellen. Es sind Momentaufnahmen, nicht dazu bestimmt, die letztg\u00fcltige Werkgestalt zu \u00fcberliefern. Tonquellen bieten zus\u00e4tzliche Informationen \u00fcber die \u201ePapierquellen\u201c hinaus, sie k\u00f6nnen auch so manchen Stichfehler einer gedruckten Ausgabe entlarven. Es besteht aber kein Zweifel, dass Skrjabin die autorisierte Erstausgabe dazu bestimmt hat, sein Werk zu \u00fcberliefern und zu verbreiten. Aus ihr soll die dritte Sonate einstudiert werden, einschlie\u00dflich der \u201eWiederholungstakte\u201c im 1. Satz und der virtuos wogenden Akkordfigur im Finale.<\/p>\n<p>Besonders hinweisen m\u00f6chte ich auf das Buch von Anatole Leikin: \u201eThe Performing Style of Alexander Scriabin\u201c, Farnham: Ashgate 2011. Darin finden sich \u00fcber die Fragestellung dieses Blogs hinaus \u00dcberlegungen, inwieweit Klavierrollen als Quellen \u00fcberhaupt zuverl\u00e4ssig sind. Nicht alle Parameter des Spiels konnten in geeigneter Form abgebildet werden; zudem wurden die Rollen nach der Aufnahme von Technikern nachbearbeitet, um Spielfehler zu korrigieren. Ob Klavierrollen die jeweilige Auff\u00fchrung wirklich authentisch einfangen \u2013 diese Frage wird sich wohl nicht abschlie\u00dfend beantworten lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander Skrjabin (1872\u20131915) war nicht nur einer der herausragenden Komponisten &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/09\/17\/skrjabin-spielt-skrjabin-ist-das-finale-der-3-sonate-zu-schwer\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[413,88,301,397,3,316,82],"tags":[83,81,701],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/987"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=987"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/987\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=987"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=987"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=987"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}