{"id":9924,"date":"2022-04-25T08:00:27","date_gmt":"2022-04-25T06:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=9924"},"modified":"2024-09-03T12:56:08","modified_gmt":"2024-09-03T10:56:08","slug":"ein-meilenstein-in-der-musikgeschichte-schoenbergs-2-streichquartett-op-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/04\/25\/ein-meilenstein-in-der-musikgeschichte-schoenbergs-2-streichquartett-op-10\/","title":{"rendered":"Ein Meilenstein in der Musikgeschichte: Sch\u00f6nbergs 2. Streichquartett op. 10"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_9926\" style=\"width: 231px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Schoenberg.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9926\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-9926\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Schoenberg.png\" alt=\"\" width=\"221\" height=\"244\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9926\" class=\"wp-caption-text\">Arnold Sch\u00f6nberg (1874\u20131951), Aufnahme um 1908<\/p><\/div>\n<p>In seinem Dankesbrief an die Gratulanten zu seinem 75. Geburtstag \u00e4u\u00dferte Arnold Sch\u00f6nberg im September 1949, er habe sich damit abgefunden, dass er auf volles Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sein Werk bei seinen Lebzeiten nicht mehr rechnen darf, und \u00fcberschrieb seine teils schmerzlich-bitteren, teils selbstbewusst-stolzen \u00c4u\u00dferungen mit der schlagzeilenartigen Formel \u201eErst nach dem Tode anerkannt werden &#8212;-!\u201c. Die Prophezeiung des Komponisten ist, wie wir heute wissen, bereits relativ schnell nach seinem Tod 1951 eingetroffen, gilt er doch sp\u00e4testens seit den 1970er Jahren unbestritten als einer der ma\u00dfgeblichsten Komponisten in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts \u2013 auch wenn die Zahl der Auff\u00fchrungen seiner Musik nach wie vor nicht mit dieser weltweiten Anerkennung Schritt h\u00e4lt.<\/p>\n<p><!--more-->Es war daher keine Frage, dass Sch\u00f6nberg nach Ablauf der Urheberschutzfrist mit bedeutenden Klavier- und Kammermusikwerken ins Programm des G. Henle-Verlags aufgenommen w\u00fcrde. Erschienen sind bereits: Drei Klavierst\u00fccke op. 11 (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Drei-Klavierstuecke-op.-11\/HN-1546\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1546<\/a>), Sechs kleine Klavierst\u00fccke op. 19 (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Sechs-kleine-Klavierstuecke-op.-19\/HN-1547\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1547<\/a>), Suite f\u00fcr Klavier op. 25 (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Suite-op.-25\/HN-1548\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1548<\/a>) sowie das Streichquartett Nr. 2 op. 10 (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/hn1542\">HN 1542<\/a>, Studien-Edition <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Streichquartett-Nr.-2-op.-10-mit-Sopranstimme\/HN-7542\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 7542<\/a>). In Vorbereitung befinden sich weitere Titel, darunter das ber\u00fchmte Streichsextett \u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Verklaerte-Nacht-Streichsextett-op.-4\/HN-1565\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1565<\/a>, Studien-Edition <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Verklaerte-Nacht-Streichsextett-op.-4\/HN-7565\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 7565<\/a>).<\/p>\n<p>Alle genannten Werke stellen bedeutende Wegmarken im Schaffen Sch\u00f6nbergs dar, das 1907\/08 entstandene 2. Streichquartett geht allerdings in seiner Bedeutung weit dar\u00fcber hinaus: Leitet es doch, wie der Herausgeber und Sch\u00f6nberg-Spezialist Ullrich Scheideler in seinem Vorwort schreibt, \u201eeine grundlegende Wende in der Musikgeschichte\u201c ein, indem insbesondere im letzten Satz die \u00fcber Jahrhunderte hinweg g\u00fcltige Dur-Moll-Tonalit\u00e4t aufgegeben wurde. Das Streichquartett markiert demnach den \u00dcbergang zur sp\u00e4ter sogenannten Atonalit\u00e4t, zu der auch in denselben Jahren entstandenen Kompositionen wie die F\u00fcnfzehn Gedichte aus \u201eDas Buch der h\u00e4ngenden G\u00e4rten\u201c von Stefan George op. 15 oder die bereits erw\u00e4hnten Drei Klavierst\u00fccke op. 11 geh\u00f6ren.<\/p>\n<div id=\"attachment_9927\" style=\"width: 615px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Autograph_4.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9927\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-9927\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Autograph_4.png\" alt=\"\" width=\"605\" height=\"295\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Autograph_4.png 605w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Autograph_4-300x146.png 300w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9927\" class=\"wp-caption-text\">Beginn des 4. Satzes \u201eEntr\u00fcckung\u201c in der autographen Partitur (Washington, Library of Congress); endg\u00fcltige Tempoangabe: Sehr langsam <em>(gehende Achtel)<\/em><\/p><\/div>\n<p>Die Aufgabe des Dur-Moll-Tonsystems fiel nat\u00fcrlich nicht vom Himmel, vielmehr hatte sich die Aufl\u00f6sung der tradierten Tonalit\u00e4t bei Sch\u00f6nberg selbst (etwa in der Kammersymphonie Nr. 1 op. 9), aber auch bei mehreren zeitgen\u00f6ssischen Komponisten in Werken ab etwa 1900 abgezeichnet. Allerdings war er der Erste, der den entscheidenden Schritt zur L\u00f6sung der Musik von allen Bindungen an einen Grundton unternahm. Sch\u00f6nberg selbst begr\u00fcndete diesen Schritt mit einem Ausdrucksbed\u00fcrfnis, dem die traditionelle Harmonik trotz aller in den Jahren davor erfolgten Erweiterungen nicht mehr gerecht werden konnte \u2013 insofern f\u00fcr ihn also eine logische Konsequenz aus dem musikgeschichtlichen Verlauf.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nberg war sich der besonderen Rolle und Stellung seines Streichquartetts bewusst, was unter anderem dazu f\u00fchrte, dass er den Notentext mehrfach einer Revision unterwarf. Stimmen- und Partiturausgaben gingen getrennte Wege, \u00fcberdies wird die Quellenlage durch eine autographe Reinschrift, die Sch\u00f6nberg f\u00fcr seine Frau Mathilde anfertigte, mit ganz eigenen Lesarten zus\u00e4tzlich erweitert, so dass sich insgesamt ein \u00fcberaus komplexes Gesamtbild ergibt. Zwar nimmt der Herausgeber die am Ende des langen Revisionsprozesses stehende Ausgabe von 1937 als naheliegende Hauptquelle, muss aber fr\u00fchere Ausgaben bzw. Handschriften als Nebenquellen mitber\u00fccksichtigen. Die Unterschiede bei den Lesarten betreffen bevorzugt Artikulation und Dynamik, in einigen F\u00e4llen aber auch Tonh\u00f6hen. Anhand von Fu\u00dfnoten und den relativ zahlreichen Einzelbemerkungen sollten nun alle m\u00f6glichen Fragen zum Notentext zu kl\u00e4ren sein.<\/p>\n<div id=\"attachment_9928\" style=\"width: 628px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Glossar.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9928\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-9928\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Glossar.png\" alt=\"\" width=\"618\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Glossar.png 605w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Glossar-300x213.png 300w\" sizes=\"(max-width: 618px) 100vw, 618px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9928\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt aus dem dreisprachigen Glossar der Henle-Edition f\u00fcr die zahlreichen Vortragsanweisungen<\/p><\/div>\n<p>Der \u00dcbergang zur Atonalit\u00e4t, die passagenhaft bereits im 2. und 3. Satz aufblitzt, um im Finale durch die fehlende Generalvorzeichnung deutlich als Ma\u00dfgabe f\u00fcr den kompletten Satz zu gelten, ist in diesem 2. Streichquartett allerdings nicht der einzige Bruch mit der Gattungsgeschichte. In den beiden letzten S\u00e4tzen tritt zu den vier Streichern eine Sopranistin hinzu, die zwei Gedichte von Stefan George vortr\u00e4gt. Der Zusatz einer Singstimme in einem Streichquartett \u2013 der angesehensten Gattung der Kammermusik \u2013 war zwar nicht ganz neu, aber doch unerwartet. Die Textvorlagen f\u00fcr die Vertonung stammen aus Georges 1907 ver\u00f6ffentlichtem Band \u201eDer siebente Ring\u201c, in dem in elit\u00e4ren Sprachbildern Gegens\u00e4tze von irdischen Erfahrungen und vision\u00e4ren Aufbr\u00fcchen thematisiert werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_9929\" style=\"width: 247px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/George.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9929\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-9929\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/George.png\" alt=\"\" width=\"237\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/George.png 237w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/George-226x300.png 226w\" sizes=\"(max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9929\" class=\"wp-caption-text\">Stefan George (1868\u20131933)<\/p><\/div>\n<p>Es f\u00e4llt schwer, Sch\u00f6nbergs Wahl der beiden Gedichte \u201eLitanei\u201c als Textgrundlage f\u00fcr den 3. Satz und \u201eEntr\u00fcckung\u201c f\u00fcr den 4. Satz nicht mit der Krisensituation im Sommer 1908 in Verbindung zu bringen. Einerseits hatte ihn die vehemente Ablehnung seiner Werke bei Publikum und Kritik im Jahr zuvor tief getroffen und verunsichert. Andererseits hatte sich eine vermutlich schon l\u00e4nger schwelende Ehekrise zugespitzt, als Mathilde mit dem Maler Richard Gerstl (der Sch\u00f6nberg Malunterricht gegeben hatte) durchbrannte und erst durch Vermittlung von Freunden zu ihrem Mann zur\u00fcckkehrte. Zeilen wie \u201eTief ist die trauer, die mich umd\u00fcstert\u201c oder \u201eNimm mir die liebe, gieb mir dein Gl\u00fcck!\u201c aus \u201eLitanei\u201c auf der einen Seite, \u201eIch f\u00fchle luft von anderem planeten\u201c oder \u201eIch bin ein dr\u00f6hnen nur der heiligen stimme\u201c aus \u201eEntr\u00fcckung\u201c auf der anderen Seite veranschaulichen gleichsam Momente dieser Krisensituation und ihrer L\u00f6sung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_9930\" style=\"width: 615px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Entrueckung.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9930\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-9930\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Entrueckung.png\" alt=\"\" width=\"605\" height=\"364\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Entrueckung.png 605w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/04\/Entrueckung-300x180.png 300w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9930\" class=\"wp-caption-text\">\u201eEntr\u00fcckung\u201c aus der Originalausgabe von Georges Lyrikzyklus \u201eDer siebente Ring\u201c (1907)<\/p><\/div>\n<p>Die Henle-Edition tr\u00e4gt der Besonderheit eines Streichquartetts mit Sopranstimme insofern Rechnung, als die Textvorlagen dreisprachig (deutsch-englisch-franz\u00f6sisch) abgedruckt werden und die Sopranstimme (mit einem neuen Klavierauszug von Jan Philip Schulze) den Streicherstimmen <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/hn1542\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1542<\/a> beigelegt ist, aber auch separat als <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Streichquartett-Nr.-2-op.-10-mit-Sopranstimme\/HN-1615\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1615<\/a> erh\u00e4ltlich ist.<\/p>\n<p>Nicht unerw\u00e4hnt bleiben soll die Hilfe von Therese Muxeneder, der Archivarin des <a href=\"https:\/\/www.schoenberg.at\/index.php\/de\/\">Arnold Sch\u00f6nberg Centers<\/a> in Wien, bei der Quellenbeschaffung und Ausk\u00fcnften dazu sowie von Henk Guittart, dem langj\u00e4hrigen Bratscher des Sch\u00f6nberg-Quartetts, der wertvolle Tipps f\u00fcr Textdetails und Wendestellen beisteuerte.<\/p>\n<p>Wer jetzt Lust bekommen hat, sich das 2. Streichquartett Sch\u00f6nbergs anzuh\u00f6ren, dem sei die Aufnahme auf der <a href=\"https:\/\/www.schoenberg.at\/index.php\/de\/joomla-license\/zweites-streichquartett-op-10-1907-1908\">Homepage des Arnold Sch\u00f6nberg Centers<\/a> empfohlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem Dankesbrief an die Gratulanten zu seinem 75. 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