{"id":9961,"date":"2022-05-23T08:00:35","date_gmt":"2022-05-23T06:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=9961"},"modified":"2022-05-19T16:05:40","modified_gmt":"2022-05-19T14:05:40","slug":"zwischen-den-stuehlen-ein-portraet-cesar-francks-zum-200-geburtstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/05\/23\/zwischen-den-stuehlen-ein-portraet-cesar-francks-zum-200-geburtstag\/","title":{"rendered":"Zwischen den St\u00fchlen \u2013 ein Portr\u00e4t C\u00e9sar Francks zum 200. Geburtstag"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_9964\" style=\"width: 115px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/220px-Cesar_Franck_by_Pierre_Petit.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9964\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-9964\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/220px-Cesar_Franck_by_Pierre_Petit-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"105\" height=\"105\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9964\" class=\"wp-caption-text\">C\u00e9sar Franck (1822-1890)<\/p><\/div>\n<p>C\u00e9sar Franck, dessen 200. Geburtstag die Musikwelt in diesem Jahr feiert, spaltete lange Zeit die Mit- und Nachwelt bez\u00fcglich seiner Zu- und Einordnung. Zu Lebzeiten war ausgerechnet der Jubilar des vergangenen Jahres, Camille Saint-Sa\u00ebns, sein gro\u00dfer Gegenspieler und Kritiker. Und tats\u00e4chlich bildete Franck in vielerlei Hinsicht einen Gegenpol zu Saint-Sa\u00ebns.<\/p>\n<p><!--more-->Zeigte sich Saint-Sa\u00ebns, der hochgebildete Kosmopolit, der durch Konzertreisen und Kuraufenthalte in ganz Europa und Teilen Amerikas und Nordafrikas unterwegs war, im pers\u00f6nlichen Umgang oft distanziert und abweisend, so tat sich Franck, der nach seinem Umzug nach Paris Frankreich nur selten verlie\u00df, durch seine liebensw\u00fcrdige und verbindliche Art selbst seinen Kritikern gegen\u00fcber hervor. Dementsprechend pflegte Saint-Sa\u00ebns nur wenige Freundschaften (darunter die zu seinem ehemaligen Sch\u00fcler Gabriel Faur\u00e9), w\u00e4hrend Franck eine gro\u00dfe Gruppe von Sch\u00fclern (darunter Vincent d\u2019Indy und Ernest Chausson) um sich scharte, die ihn vorbehaltlos als \u201ep\u00e8re Franck\u201c verehrten. Griff Saint-Sa\u00ebns gern zur Feder, um sich zu k\u00fcnstlerisch-\u00e4sthetischen, aber auch politischen Fragen \u00f6ffentlich zu \u00e4u\u00dfern, hielt sich Franck, dem selbst das Abfassen von Gesch\u00e4ftsbriefen l\u00e4stig war, aus allen \u00f6ffentlichen Debatten heraus. Agierte Saint-Sa\u00ebns als rastloser Manager und Promotor seiner Werke, war Franck wie kein anderer auf die Hilfe seiner Freunde und Sch\u00fcler angewiesen \u2013 um hier nur einige der zahlreichen Kontraste im Vergleich beider Pers\u00f6nlichkeiten anzuf\u00fchren.<\/p>\n<div id=\"attachment_9965\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/220px-Cesar_Franck_At_Organ.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9965\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-9965\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/220px-Cesar_Franck_At_Organ.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"257\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9965\" class=\"wp-caption-text\">Franck an der Orgel von Sainte-Clotilde (Gem\u00e4lde von Jeanne Rongier)<\/p><\/div>\n<p>So verdienstvoll das Eintreten von Francks Sch\u00fclern f\u00fcr die Verbreitung und Anerkennung der Werke ihres Lehrers auch war, so fragw\u00fcrdig erscheint das Bild, das sie der Nachwelt von ihrem verehrten Meister \u00fcbermittelten. Mystische \u00dcberh\u00f6hung und Verkl\u00e4rung begannen bereits zu Lebzeiten Francks, wobei die Vorstellung vom einsamen, unverstandenen, ganz in seine Musik versunkenen Genie an der Orgel der Pariser Kirche Sainte-Clotilde die pr\u00e4gende Leitlinie bildete. Inzwischen konnte das Bild durch die j\u00fcngere Forschung gr\u00fcndlich revidiert werden: Franck unterhielt auch in den Perioden geringer Produktivit\u00e4t und relativer Zur\u00fcckgezogenheit ein Netzwerk von Kontakten und war in Fachkreisen durchaus angesehen und anerkannt \u2013 von einsam und unverstanden kann keine Rede sein.<\/p>\n<p>Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr ein solches Zerrbild bot allerdings der keineswegs geradlinige Lebenslauf. Franck begann als Wunderkind am Klavier unter der strengen Aufsicht seines Vaters, gab nach dem Bruch mit dem Vater 1846 die Karriere als Klaviervirtuose auf, wechselte zur Orgel und \u00fcbernahm verschiedene Kirchen\u00e4mter. Im Alter von 37 Jahren wurde er 1859 Hauptorganist an der erst wenige Jahre zuvor errichteten Pariser Kirche Sainte-Clotilde. 1872 schlie\u00dflich wurde er zum Professor f\u00fcr Orgelspiel und Improvisation am Pariser Konservatorium ernannt \u2013 wobei er mit gro\u00dfem Erfolg weniger Orgeltechnik als Komposition unterrichtete.<\/p>\n<p>Dieser von Br\u00fcchen markierte Lebenslauf spiegelt sich auch im insgesamt recht \u00fcberschaubaren Schaffen: In der Fr\u00fchzeit entstanden vor allem Salon- und Bravourst\u00fccke f\u00fcr den eigenen Konzertgebrauch, allerdings galt er durch Werke wie den Klaviertrios op. 1 oder das Oratorium <em>Ruth<\/em> als aufstrebender, verhei\u00dfungsvoller Komponist. Ab den sp\u00e4ten 1840er-Jahren, als Franck in den Kirchendienst eintrat, stand liturgische Gebrauchsmusik im Mittelpunkt, und er geriet als Komponist trotz seines Renommees als gl\u00e4nzender Organist aus dem Rampenlicht der Pariser Musikszene. Die Stelle am Konservatorium f\u00fchrte, da er jetzt die Mu\u00dfe zum freien Komponieren hatte, zu einem vollkommenen Neubeginn. Dementsprechend entstanden im Wesentlichen die Werke, mit denen man heute im Konzertleben Francks Namen verbindet und von denen inzwischen viele auch im Henle Urtext erschienen sind, erst in den letzten 15 Jahren seines Lebens. Dazu geh\u00f6ren unter anderem die <em>Variations symphoniques<\/em> f\u00fcr Klavier und Orchester (1885) und die d-moll-Symphonie (1887\/88), die beiden Klavierwerke <em>Pr\u00e9lude, Choral et Fugue<\/em> (1884, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Pr%C3%A9lude%2C+Choral+et+Fugue_494\">HN 494<\/a>) und <em>Pr\u00e9lude, Aria et Final<\/em> (1887, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Pr%C3%A9lude%2C+Aria+et+Final_464\">HN 464<\/a>), die Orgelst\u00fccke <em>Trois Pi\u00e8ces<\/em> (1878, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Trois+Pi%C3%A8ces+pour+Grand+Orgue_845\">HN 845<\/a>) und <em>Trois Chorals<\/em> (1890, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Trois+Chorals+pour+Grand+Orgue_975\">HN 975<\/a>) sowie das Klavierquintett f-moll (1879, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klavierquintett+f-moll_1142\">HN 1142<\/a>), die Violinsonate A-dur (1886, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Violinsonate+A-dur_1351\">HN 1351<\/a>) sowie das Streichquartett D-dur (1889\/90). Gemeinsame Merkmale dieser Werke sind die stark chromatisierte Harmonik sowie der konsequente Ausbau des zyklischen Prinzips nach Vorbildern bei Beethoven und Liszt, das den Zusammenhalt \u00fcber Einzels\u00e4tze hinaus durch eine gemeinsame Motiv- und Themenbasis begr\u00fcndet.<\/p>\n<div id=\"attachment_9966\" style=\"width: 615px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/Franck-Autograph.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9966\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-9966\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/Franck-Autograph.png\" alt=\"\" width=\"605\" height=\"559\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/Franck-Autograph.png 605w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/Franck-Autograph-300x277.png 300w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9966\" class=\"wp-caption-text\">Beginn des Klavierquintetts f-moll (Autograph; Paris, Biblioth\u00e8que nationale de France)<\/p><\/div>\n<p>Doch kommen wir zur\u00fcck zu den Problemen der Zuordnung, die mit Francks Nationalit\u00e4t beginnen. War er nun ein franz\u00f6sischer oder belgischer \u2013 oder sogar, wie Autoren w\u00e4hrend er Zeit des Nationalsozialismus behaupteten, ein deutscher Komponist? Francks Vorfahren stammten aus dem niederl\u00e4ndisch-belgisch-deutschen Grenzgebiet. Geboren wurde er am 10. Dezember 1822 in L\u00fcttich, das damals genauso wie der Geburtsort seines Vaters Gemmenich zum niederl\u00e4ndischen Herzogtum Limburg geh\u00f6rte, w\u00e4hrend die Mutter aus dem seit 1815 preu\u00dfischen Aachen stammte. Mit der Unabh\u00e4ngigkeit Belgiens von den Niederlanden im Jahre 1830 erhielt die Familie Franck die belgische Staatsangeh\u00f6rigkeit. Nach der ersten Ausbildung am L\u00fctticher Konservatorium als Pianist (dem die seines j\u00fcngeren Bruders Joseph als Geiger folgte), zog Franck Vaters mit der Familie 1836 nach Paris um. Um die Aufnahme seiner S\u00f6hne ins ber\u00fchmte Pariser Konservatorium zu erlangen, musste Franck senior Franzose werden. C\u00e9sar Franck selbst blieb jedoch Belgier bis 1873, als er \u2013 inzwischen im Staatsdienst \u2013 die franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerschaft erhielt. Die Zuordnung ist also tats\u00e4chlich nicht eindeutig; f\u00fcr den Komponisten selbst scheint die Frage seiner Nationalit\u00e4t kaum eine Rolle gespielt zu haben, umso mehr jedoch f\u00fcr Biographen und Kritiker, die das Problem auf Francks Musik \u00fcbertrugen.<\/p>\n<p>Bereits kurz nach Francks Tod 1890 wurde die Frage nach seinem Einfluss heftig diskutiert. W\u00e4hrend Saint-Sa\u00ebns 1898 Francks Wirkung auf die franz\u00f6sische Musik erwartungsgem\u00e4\u00df als \u201enicht erfreulich\u201c bezeichnete, sprach Debussy von einem \u201efl\u00e4mischen Einfluss\u201c, der etwa Chausson \u2013 von Natur aus mit den urfranz\u00f6sischen Merkmalen der Eleganz und Klarheit ausgestattet \u2013 geschadet habe. Andere monierten, Franck sei angesichts der chromatischen Linienf\u00fchrung mit st\u00e4ndigen Modulationen in weit entfernte Tonarten zu stark dem Erbe der deutschen Musik \u2013 sprich: Richard Wagners \u2013 verpflichtet. Als Franck-Sch\u00fcler wie d\u2019Indy oder Chausson den Wagner-Stil im Geiste Francks offen als Vorbild nahmen, schlugen solche Kritiker Alarm und sahen die franz\u00f6sische Musik in ihren Grundfesten gef\u00e4hrdet. Dabei zeigt Francks Werke, die durch moderne Harmonik im Rahmen von traditionellen Gattungen auf den ersten Blick sp\u00e4tromantisch wirken, durchaus avantgardistische Z\u00fcge. Dazu z\u00e4hlen ungew\u00f6hnliche, individuelle Forml\u00f6sungen oder auch das Umkippen der eigentlich funktionalen Harmonik durch st\u00e4ndiges Modulieren in eine freie Farbigkeit von Kl\u00e4ngen, die gar nicht so weit von derjenigen eines Debussy entfernt ist. Francks Musik entzieht sich einer eindeutigen Zuordnung \u2013 mal wirkt sie klassizistisch, mal romantisch, mal hypermodern, und der Tonfall wechselt h\u00e4ufig zwischen den Extremen von statischer Zur\u00fccknahme und hochdramatischem Pathos. Angesichts \u201esprechender\u201c Anweisungen in der Instrumentalmusik wie \u201erecitativo\u201c, \u201econ fantasia\u201c, \u201epassionato\u201c oder \u201edrammatico\u201c stellt sich \u00fcberdies die Frage, ob unter der H\u00fclle absoluter Musik in Sonatenform nicht hier und da pers\u00f6nliche Bekenntnisse versteckt sind. Kurzum: ein Komponist sozusagen zwischen den St\u00fchlen \u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_9967\" style=\"width: 570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/Violinsonate-A-dur.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-9967\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-9967\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/Violinsonate-A-dur.png\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/Violinsonate-A-dur.png 560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/05\/Violinsonate-A-dur-300x213.png 300w\" sizes=\"(max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9967\" class=\"wp-caption-text\">Beginn der Violinsonate A-dur (HN 1351)<\/p><\/div>\n<p>Die seinerzeit erregt gef\u00fchrten Debatten um die Einordnung von Francks Musik sind heute l\u00e4ngst \u00fcberwunden, und wir k\u00f6nnen uns v\u00f6llig unbelastet an Meisterwerken wie der A-dur-Violinsonate erfreuen (deren von Franck ausdr\u00fccklich autorisierte Fassung f\u00fcr Violoncello und Klavier ebenfalls bei Henle erh\u00e4ltlich ist: <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Violinsonate+A-dur_570\">HN 570<\/a>). Wie Franck es hier gelingt, aus einer kleinen Keimzelle zu Beginn das gesamte kontrastreiche thematische Material zu entwickeln und so f\u00fcr ein Gef\u00fchl extremen Zusammenhalts zu sorgen, versetzt immer wieder in Staunen. Aus den zahlreichen exzellenten Aufnahmen der Sonate sei hier die mit <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YCp5XC2rsEM\">Kaja Danczowska (Violine) und Krystian Zimerman (Klavier)<\/a> von 1981 empfohlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>C\u00e9sar Franck, dessen 200. 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