Im Mai die­ses Jah­res schrieb ich über die tie­fen Töne, heute möch­te ich Ba­lan­ce schaf­fen und über Beet­ho­vens Stre­ben nach Hö­he­rem schrei­ben. Litt er unter der Be­schrän­kung der Tas­ta­tur der Kla­vie­re des 18. und frü­hen 19. Jahr­hun­derts nach oben bis f3 (heute geht’s im­mer­hin bis c5)? Beim ge­naue­ren Hin­schau­en möch­te man fast den Ein­druck haben.

So ist es etwa auf­fäl­lig, dass bei vie­len The­men der Kla­vier­so­na­ten ein be­wuss­tes Aus­rei­zen des kom­plet­ten Am­bi­tus nach oben zu sehen ist. Hier drei Bei­spie­le:

Sonate op. 2 Nr. 3, 4. Satz

Sonate op. 7, 1. Satz

Sonate op. 10 Nr. 1, 1. Satz

Für mich be­steht wenig Zwei­fel, dass hier die Gren­ze des f3 Beet­ho­ven bei der Aus­ge­stal­tung der The­men­mo­ti­vik nicht nur be­wusst war, son­dern dass sie auch krea­tiv-kon­struk­tiv ein­ge­setzt wurde. Man spürt in die­sen und auch an­de­ren Be­spie­len, dass die The­men viel­leicht an­ders ge­stal­tet wor­den wären, wenn Beet­ho­ven mehr Ton­re­per­toire nach oben zur Ver­fü­gung ge­stan­den hätte.

Immer wie­der kann man sich die Frage stel­len, ob diese Gren­ze ihn zu Ein­schrän­kun­gen zwang oder seine Krea­ti­vi­tät be­flü­gel­te. In mei­nem letz­ten Blog brach­te ich ein Bei­spiel aus der Sturm­so­na­te, das deut­lich zeigt, wie aus der Not eine Tu­gend wurde – eine wun­der­ba­re Stel­le, auf die nie­mand mehr ver­zich­ten möch­te:

Sonate op. 31 Nr. 2, 1. Satz, Exposition

Sonate op. 31 Nr. 2, 1. Satz, Durchführung

Den Gren­zen der Tas­ta­tur ver­dan­ken wir die hoch­dra­ma­ti­sche, im Ver­gleich zur Ex­po­si­ti­on wun­der­bar ge­stei­ger­te Pas­sa­ge mit dem ge­hal­te­nen d3.

Die­ser Ef­fekt ge­lang Beet­ho­ven nicht immer: Schau­en Sie sich die Ex­po­si­ti­on der So­na­te op. 10 Nr. 3, 1. Satz, an. Hier sieht sich der Kom­po­nist ge­zwun­gen, die kon­se­quen­te Auf­wärts­be­we­gung in al­ter­nie­ren­den Ok­ta­ven auf­zu­bre­chen. In der Re­pri­se da­ge­gen läuft die Figur durch und der Ef­fekt ist grö­ßer, nicht wahr? Da­ge­gen klingt die Stel­le in der Ex­po­si­ti­on in mei­nen Ohren fast miss­lun­gen (Blas­phe­mie, ich weiß!).



Sonate Op. 10 Nr. 1, 1. Satz, Exposition und Durchführung

Einen re­gel­rech­ten Faux­pas in der Ge­stal­tung er­laub­te sich Beet­ho­ven viel­leicht hier, im 1. Satz der So­na­te op. 10 Nr. 1:

Wel­cher Pia­nist würde diese Stel­le aus „Quel­len­treue“ heute ohne ges3 spie­len? (Zu­ge­ge­ben, es war viel­leicht doch kein Faux­pas, son­dern kal­ku­liert. Denn man hört in die­ser hö­he­ren Lage kaum, dass der hohe Ton nicht klingt.)

Als sich in den ers­ten Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts dann In­stru­men­te auf dem Markt zu eta­blie­ren be­gan­nen, die den Um­fang nach oben bis zum c4 öff­ne­ten, dau­er­te es nicht lange, bis Beet­ho­ven sich diese zu­sätz­li­chen Mög­lich­kei­ten mit Haut und Haa­ren er­ober­te, wun­der­bar zu sehen an der Wald­stein­so­na­te.

Zu­nächst scheint sich nichts ge­än­dert zu haben: Beet­ho­ven kom­po­niert einen The­men­kom­plex, der bis zum f3 geht und nicht wei­ter:

Doch dann schlei­chen sich an ex­po­nier­ten Stel­len erste „Grenz­über­schrei­tun­gen“ ein:

Aber schließ­lich ist es die fol­gen­de Stel­le, die mit Un­ter­stüt­zung des Tril­lers im pp einen völ­lig neuen Klang­raum er­obert. Man kann sich des Ein­drucks „Beet­ho­ven ist an­ge­kom­men!“ nicht er­weh­ren:

Von nun an ist der grö­ße­re Um­fang in die­ser und den fol­gen­den So­na­ten eta­bliert und wird von Beet­ho­ven wie selbst­ver­ständ­lich ge­nutzt. Man denke nur an das Thema des letz­ten Sat­zes der Wald­stein­so­na­te:

Oder an das Ende der letz­ten Kla­vier­so­na­te:

Das Ne­ben­ein­an­der ver­schie­de­ner Kla­vier­fa­bri­ka­te mach­te es den Ver­la­gen nicht immer leicht. Um einen mög­lichst gro­ßen Markt be­die­nen zu kön­nen, sah man sich zum Bei­spiel in Eng­land ge­zwun­gen, Beet­ho­vens Werke in einer Ver­si­on für das tra­di­tio­nel­le und für das neue Kla­vier zu ver­öf­fent­li­chen. Wel­che Klimm­zü­ge dabei voll­bracht wer­den muss­ten, be­schreibt der Titel der eng­li­schen Erst­aus­ga­be des 5. Kla­vier­kon­zerts: “Grand Con­cer­to for the Piano Forte, as newly con­struc­ted by Cle­men­ti & Co with ad­di­tio­nal Keys up to F, and also ar­ran­ged for the Piano Forte up to C …”. Als dann schließ­lich auch die Bar­rie­re des c4 brach und sich die Tas­ta­tur immer wei­ter in Rich­tung c5 er­wei­ter­te, grif­fen eng­li­sche Ver­la­ge er­neut zu Hilfs­mit­teln, um eine mög­lichst große Kund­schaft zu be­die­nen. In der eng­li­schen Erst­aus­ga­be der Ham­mer­kla­vier­so­na­te zum Bei­spiel brach­te man ossia-Sys­te­men, um die von Beet­ho­ven kom­po­nier­te Fas­sung, die über das c4 hin­aus­geht, dort­hin zu ver­ban­nen und im Haupt­text eine – von wem auch immer au­to­ri­sier­te – Va­ri­an­te zu bie­ten, die die Gren­zen be­rück­sich­tig­te:

Da die Au­to­ri­sie­rung der Än­de­run­gen im eng­li­schen Druck der Ham­mer­kla­vier­so­na­te völ­lig offen ist, wird sich heute nie­mand an diese – zu­ge­ge­ben schlech­ten – Va­ri­an­ten her­an­wa­gen. Hier ist der Fall leicht zu ent­schei­den. Aber was tun bei an­de­ren Stel­len? Ich habe es schon in mei­nem letz­ten Blog zu die­sem Thema emp­foh­len: Las­sen wir es die In­ter­pre­ten ent­schei­den, so­lan­ge sie wis­sen, warum! Oder?

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