Jo­seph Stie­ler, Skiz­ze in Öl zum Por­trait Beet­ho­vens; Freund­li­che Ge­neh­mi­gung des Beet­ho­ven-Hau­ses Bonn

Wenn ein Blog über den „bönn­schen Jung“ Beet­ho­ven auf den Ro­sen­mon­tag fällt, kann es nur um eines gehen: Kar­ne­val! In der so­ge­nann­ten fünf­ten Jah­res­zeit wurde im Rhein­land schon zu Lud­wigs Leb­zei­ten kräf­tig ge­fei­ert. Doch wuss­ten Sie, dass Beet­ho­ven tat­säch­lich Kar­ne­vals­mu­sik kom­po­niert hat?

Dies­mal wol­len wir Sie auch ganz be­stimmt nicht auf den Arm neh­men wie in un­se­rem Ro­sen­mon­tags-Bei­trag 2015, als wir ein an­geb­lich neu­ent­deck­tes Kar­ne­vals­lied von Beet­ho­ven ver­öf­fent­lich­ten (wir be­ka­men tat­säch­lich ernst ge­mein­te Be­stell­wün­sche zur ge­druck­ten Aus­ga­be!).

Nein, Beet­ho­ven kom­po­nier­te ganz im Ernst die Musik zu einer kos­tü­mier­ten Bal­lett­auf­füh­rung, die am Fa­schings­sonn­tag, dem 6. März 1791 in Bonn ur­auf­ge­führt wurde. Es han­delt sich um die heute ziem­lich ver­ges­se­ne Musik zu einem Rit­ter­bal­lett WoO 1, die aus acht Num­mern be­steht, dar­un­ter ein „Deut­scher Ge­sang“, ein „Jagd­lied“, ein „Deut­scher Tanz“, ein „Min­ne­lied“, und, be­son­ders wich­tig im Kar­ne­val, ein „Trink­lied“. Hören Sie hier doch ein­mal hin­ein.

Der ei­gen­tüm­li­che Titel „Rit­ter­bal­lett“ (der al­ler­dings erst Jahr­zehn­te spä­ter von Beet­ho­vens Ju­gend­freund Franz We­ge­ler ein­ge­führt wurde) deu­tet auf eine Kos­tü­mie­rung unter dem Motto „Deut­sches Mit­tel­al­ter“ hin, wie auch eine zeit­ge­nös­si­sche Schil­de­rung der Ver­an­stal­tung na­he­legt:

„Aus­zug eines Briefs aus Bonn“, in: Thea­ter-Ka­len­der auf das Jahr 1792, Gotha, S. 340

Am Fast­nachts­sonn­ta­ge führ­te der hie­si­ge Adel auf dem Re­dou­ten­saa­le ein ka­rak­te­ris­ti­sches Bal­let in alt­deut­scher Tracht auf. Der Er­fin­der des­sel­ben, Se. Ex­zel­lenz der Herr Graf von Wald­stein, dem Kom­po­si­ti­on des Tan­zes und der Musik zur Ehre ge­rei­chen, hatte darinn auf die Haupt­nei­gun­gen uns­rer Ur­vä­ter, zu Krieg, Jagd, Liebe und Ze­chen Rück­sicht ge­nom­men. Am 8. März [d.h. am Fast­nachts­diens­tag] kam sämt­li­cher hoher Adel in die­ser alt­deut­schen Klei­dung in das Schau­spiel­haus, und die­ser Auf­zug ge­währ­te einen gro­ßen, präch­ti­gen und re­spek­ta­blen An­blick, auch ward man ge­wahr, daß die Damen nichts von ihren Reit­zen ver­lieh­ren wür­den, wenn sie wie­der die Trach­ten der Vor­zeit wähl­ten.

Der hier ge­nann­te „Er­fin­der“ Graf Fer­di­nand von Wald­stein ist be­kannt als För­de­rer und Freund Beet­ho­vens; er er­mög­lich­te dem jun­gen Kom­po­nis­ten 1792 eine Stu­di­en­rei­se nach Wien, damit die­ser, wie Wald­stein es for­mu­lier­te, „Mo­zarts Geist aus Haydns Hän­den“ emp­fan­ge. Beet­ho­ven wid­me­te ihm spä­ter als Dank eine sei­ner be­rühm­tes­ten Kla­vier­so­na­ten: die so­ge­nann­te Wald­stein­so­na­te C-dur op. 53.

Dass Wald­stein, wie im Be­richt be­haup­tet, al­lei­ni­ger Ur­he­ber der Musik und Cho­reo­gra­phie des Bal­letts war, ist al­ler­dings nicht kor­rekt. Al­len­falls steu­er­te der mu­sik­lie­ben­de Graf ein paar me­lo­di­sche Ein­fäl­le bei, doch kann man davon aus­ge­hen, dass die Kom­po­si­ti­on gänz­lich Beet­ho­ven zu­zu­schrei­ben ist. Von sei­ner Hand stammt auch die Par­ti­tur der Bal­lett­mu­sik, die heute in der Staats­bi­blio­thek Ber­lin auf­be­wahrt wird:

Beet­ho­ven, Musik zu einem Rit­ter­bal­lett WoO 1, Par­ti­tur­au­to­graph, Nr. 6: Trink­lied

Von die­ser si­cher sehr pit­to­res­ken Ver­an­stal­tung sind keine bild­li­chen Zeug­nis­se über­lie­fert, aber einen schö­nen Ein­druck von den Bon­ner Kar­ne­vals­fes­ten und Mas­ken­bäl­len ver­mit­telt das Ge­mäl­de des Hof­ma­lers Franz Rous­seau:

Franz Rous­seau, Mas­ken­ball in der Re­si­denz zu Bonn, In­ne­res des Hof­thea­ters (Kur­fürs­ten-Schloss), 18. Jahr­hun­dert. Köln, Köl­ni­sches Stadt­mu­se­um, Inv.-Nr. 1927/658

Und was mach­te Beet­ho­ven am Fa­schings­sonn­tag 1791, wäh­rend die „Rit­ter“ zu sei­ner Musik tanz­ten? Das neue Beet­ho­ven-Werk­ver­zeich­nis hat mit de­tek­ti­vi­schem Spür­sinn er­schlos­sen, dass er höchst­wahr­schein­lich im Or­ches­ter mit­spiel­te (Dorf­mül­ler/Gertsch/Ronge: Lud­wig van Beet­ho­ven. The­ma­tisch-bi­blio­gra­phi­sches Werk­ver­zeich­nis, Mün­chen 2014, Bd. 2, S. 3). Denn die Aus­füh­rung der Bal­let­mu­sik oblag der Bon­ner Hof­ka­pel­le, die zu jener Zeit nach­weis­lich mit zwei Brat­schis­ten be­setzt war, einem Herrn Phil­ip­part sowie dem jun­gen Beet­ho­ven. Und da die Vio­la­stim­me in der Bal­lett­mu­sik oft zwei­stim­mig no­tiert ist, war die An­we­sen­heit bei­der Brat­scher er­for­der­lich.

Diese These kön­nen wir nun durch eine sen­sa­tio­nel­le Ent­de­ckung be­le­gen: eine ge­naue Un­ter­su­chung des oben er­wähn­ten Ge­mäl­des Franz Rous­se­aus brach­te ans Licht, dass in der Or­ches­ter­grup­pe am lin­ken Bild­rand ein­deu­tig Beet­ho­ven zu iden­ti­fi­zie­ren ist, der ganz links außen die Brat­sche trak­tiert:

Rous­seau: Mas­ken­ball in der Re­si­denz zu Bonn, De­tail (con al­cu­ne li­cen­ze)

Und noch ein wei­te­res schla­gen­des Indiz ent­ging der Beet­ho­ven-For­schung bis­her: denn der be­rühm­te Köl­ner und Bon­ner Kar­ne­vals­ruf „Alaaf“ lässt sich voll­stän­dig in die Ton­sil­ben A–La–A–F über­set­zen: ein mu­si­ka­li­sches Sog­get­to ca­va­to ganz im Stile der gro­ßen Meis­ter der Re­nais­sance. Und tat­säch­lich fin­den wir die Ton­fol­ge a–a–a–f in der Nr. 2 mit dem pas­sen­den Titel „Deut­scher Ge­sang“ in der 2. Kla­ri­net­te T. 9–11 wie­der:

Nur einem ge­nia­len Geist wie Beet­ho­ven konn­te es ge­lin­gen, die­ses Motiv eben­so zwang­los wie sub­til in seine Kom­po­si­ti­on ein­zu­flech­ten und so dem bie­de­ren Mas­ken­ball am Bon­ner Hof ins­ge­heim eine lange Nase zu dre­hen. Alaaf!

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