Ed­ward Elgar (1857–1934)

Viele Ur­text­aus­ga­ben und deren Quel­len wan­dern über den Tisch eines Lek­tors im G. Henle Ver­lag – aber sel­ten hat man es mit einer der­art um­fas­sen­den Quel­len­do­ku­men­ta­ti­on zu tun, wie dies bei El­gars Vio­lin­so­na­te der Fall ist. Fast jeder Ent­ste­hungs­schritt des Wer­kes lässt sich heute noch nach­voll­zie­hen, und den­noch stan­den Her­aus­ge­ber und Lek­tor auch bei der Vor­be­rei­tung die­ser Aus­ga­be immer wie­der vor un­ge­lös­ten Fra­gen – wie konn­te das sein?

 

El­gars Frau Alice ver­merkt im Au­gust 1918 in ihrem Ta­ge­buch: „E. schreibt wun­der­ba­re neue Musik, sie ist ganz an­ders als seine üb­ri­gen Werke. A. [damit meint Alice sich of­fen­bar selbst] nennt sie Wald­zau­ber. So flüch­tig und zart.“ Der Be­ginn der Ar­beit an die­sem „Wald­zau­ber“ ist in Skiz­zen­ma­te­ri­al fest­ge­hal­ten. Man sieht förm­lich, wie Elgar zu­nächst zen­tra­le The­men fest­hielt, die er erst spä­ter wei­ter aus­ar­bei­ten woll­te. Vor der ers­ten Ak­ko­la­de der of­fen­bar ers­ten Skiz­ze fin­det man El­gars Hin­weis: „1. idea“. Diese „erste Idee“ be­steht aus den Ein­gangs­tak­ten des Kopf­sat­zes, und es hat den An­schein, als habe sich Elgar tat­säch­lich von „vorn nach hin­ten“ durch die ganze So­na­te ge­ar­bei­tet. Die Skiz­zen zum 2. Satz spiel­ten dabei eine be­son­de­re Rolle, denn dort hielt Elgar Musik fest, in der er auf trau­ri­ge Nach­rich­ten aus sei­nem Freun­des­kreis re­agier­te (ein To­des- und ein Krank­heits­fall). Es han­delt sich hier also um Be­kennt­nis­mu­sik, die Elgar – ein un­ge­wöhn­li­cher Fall – im Skiz­zen­sta­di­um an die bei einem Un­fall ver­letz­te Freun­din schick­te, um sie an der Kom­po­si­ti­on An­teil neh­men zu las­sen: „Ich habe sie [die Musik] gleich nach Er­halt Ihres Te­le­gramms zum Un­fall ge­schrie­ben & schi­cke Ihnen die Blei­stift­no­ti­zen, die ich in die­sem trau­ri­gen Mo­ment als Ers­tes ver­fasst habe“. Die heute noch er­hal­te­nen Skiz­zen sind also tat­säch­lich Mo­ment­auf­nah­men, die uns einen Ein­blick in El­gars Werk­statt ge­wäh­ren.

Aus den Skiz­zen muss sich schon ziem­lich bald die voll­stän­di­ge So­na­te ent­wi­ckelt haben, denn be­reits im Sep­tem­ber spiel­te Elgar das Werk mit dem be­freun­de­ten Gei­ger Wil­li­am Henry Reed durch. Dafür er­stell­te er au­to­gra­phe Rein­schrif­ten, und zwar so­wohl von der Kla­vier­par­ti­tur mit über­leg­ter Violin­stim­me als auch von der se­pa­ra­ten Violin­stim­me. Für diese Rein­schrift brauch­te Elgar al­ler­dings meh­re­re An­läu­fe, denn es sind au­to­gra­phe Ent­wür­fe er­hal­ten, die so­zu­sa­gen zwi­schen Skiz­ze und Rein­schrift ste­hen, und zwar vom zwei­ten Satz (Violin­stim­me) und vom drit­ten Satz (Kla­vier­par­ti­tur und Violin­stim­me). Diese Ent­wür­fe be­gin­nen durch­aus rein­schrift­lich, aber man sieht förm­lich, wie Elgar zu kor­ri­gie­ren be­ginnt, streicht, neu schreibt und schluss­end­lich das ge­sam­te Ma­nu­skript ver­wirft.

Um in­mit­ten der vie­len Ma­nu­skrip­te nicht den Über­blick zu ver­lie­ren, hielt Elgar schließ­lich auf den Ti­tel­blät­tern je­weils den ak­tu­el­len Kor­rek­tur­stand fest und no­tier­te etwa „cor­rec­ted“ oder „not re­vi­sed“.

Damit nicht genug. Die Durch­spiel­pro­ben mit Wil­li­am Henry Reed setz­ten einen er­neu­ten Kor­rek­tur­pro­zess in Gang. Die Rein­schrif­ten ent­hal­ten zahl­rei­che Ra­su­ren, Kor­rek­tu­ren in Tinte, aber auch in ver­schie­de­nen Rot­stif­ten und mit Blau­stift. Auch ver­schie­de­ne Hände sind nach­weis­bar: Es scheint, als habe so­wohl Elgar als auch Reed Ein­tra­gun­gen ge­macht. Um die Ver­wir­rung kom­plett zu ma­chen, un­ter­schei­den sich die Kor­rek­tur­stän­de der se­pa­ra­ten Violin­stim­men von den­je­ni­gen der über­leg­ten Violin­stim­men in den Kla­vier­par­ti­tu­ren.

Ed­ward Elgar

Und den­noch ent­schied Elgar, diese Rein­schrif­ten als Stich­vor­la­gen an den Ver­lag No­vel­lo zu schi­cken. Um je­weils klar­zu­stel­len, wel­che Vor­la­ge gül­tig ist, fin­den sich auf den Ti­tel­blät­tern der Rein­schrif­ten zu­sätz­li­che Hin­wei­se für den Ver­lag, etwa: „bo­wing in­cor­rect | en­gra­ve from score“, oder ähn­lich. Und Elgar ging sogar einen Schritt wei­ter: Sogar um gute Wen­de­stel­len küm­mer­te er sich, indem er fest­hielt: „to prin­ter: […] As to ‚turn over‘ see pp 3&4, turns over might come anyw­he­re where this mark is pla­ced.“

Wir sehen in die­sen Au­to­gra­phen einen Kom­po­nis­ten, der sein Werk nicht nur immer wie­der mi­nu­ti­ös kor­ri­gier­te, son­dern auch die ma­xi­ma­le Kon­trol­le über den ge­sam­ten Her­stel­lungs­pro­zess in sei­ner Hand hal­ten woll­te. Und die Ge­schich­te ist noch nicht zu Ende: Aus den Un­ter­schie­den zwi­schen den Au­to­gra­phen und der Erst­aus­ga­be wird deut­lich, dass Elgar sehr gründ­lich Fah­nen­kor­rek­tu­ren las und sogar in die­sem Sta­di­um De­tails ver­än­der­te, Zei­chen er­gänz­te und z.B. Dy­na­mik­an­ga­ben prä­zi­sier­te. Ein sol­cher Satz an Kor­rek­tur­fah­nen mit El­gars Ein­tra­gun­gen ist glück­li­cher­wei­se über­lie­fert. Die­ser Abzug er­klärt aber nicht alle Än­de­run­gen zwi­schen Au­to­graph und pu­bli­zier­ter Erst­aus­ga­be. Ver­gleicht man die Les­ar­ten Au­to­graph – Kor­rek­tur­ab­zug – Erst­aus­ga­be, so er­gibt sich zwin­gend, dass Elgar zwei wei­te­re Fah­nen­sät­ze Kor­rek­tur ge­le­sen hat und dass unter die­sen drei Fah­nen­kor­rek­tu­ren die er­hal­te­ne die mitt­le­re Po­si­ti­on ein­nimmt.

Wie ein­gangs er­wähnt: eine der­art voll­stän­di­ge Do­ku­men­ta­ti­on des Ent­ste­hungs­pro­zes­ses eines Wer­kes ist eher sel­ten. Die von Elgar schließ­lich au­to­ri­sier­te Erst­aus­ga­be, er­schie­nen 1919, bie­tet daher einen prä­zi­sen und durch alle üb­ri­gen Quel­len ab­ge­si­cher­ten No­ten­text. Ist das aber auch ein No­ten­text, der keine Wün­sche offen lässt? Wenn ich schon so frage, dann wohl kaum. Hier ein paar Bei­spie­le:

An zwei Stel­len ste­hen in der au­to­gra­phen Rein­schrift im Kla­vier­part Hal­te­bö­gen, die es aber nicht in die Druck­fas­sung ge­schafft haben. Ein Ver­se­hen El­gars? Hätte er bei drei Kor­rek­tur­le­sun­gen die­sen Bogen tat­säch­lich über­se­hen? Ich fände den Hal­te­bo­gen je­weils pia­nis­tisch/mu­si­ka­lisch über­zeu­gen­der – und Sie?

Im Au­to­graph mit Bogen fis1-fis1

 

Im Au­to­graph Bogen E-E

In T. 271/272 des 1. Sat­zes ste­hen in der au­to­gra­phen Rein­schrift für die linke Hand die fol­gen­den Fin­ger­sät­ze

Sind sie im Druck ab­sicht­lich weg­ge­fal­len? Soll­ten sie „nur“ ein Hin­weis dar­auf sein, dass der Bogen nicht als Hal­te-, son­dern als Le­ga­to­bo­gen zu spie­len ist? Ist dann in der Erst­aus­ga­be nicht In­for­ma­ti­on ver­lo­ren ge­gan­gen? Oder ver­hält es sich um­ge­kehrt: Elgar mein­te doch Hal­te­bö­gen und hat daher den Fin­gersatz im Druck ge­tilgt, um Miss­ver­ständ­nis­se zu ver­mei­den?

Und schließ­lich die Dy­na­mik in der Vio­li­ne ganz am Ende der So­na­te. Hier steht in der au­to­gra­phen Kla­vier­par­ti­tur in der au­to­gra­phen Violin­stim­me

In der ge­druck­ten Kla­vier­par­ti­tur steht

(diese Les­art wurde im Kor­rek­tur­ab­zug nicht ge­än­dert), in der ge­druck­ten Violin­stim­me schließ­lich steht

Was gilt? Hat Elgar hier trotz aller Be­mü­hun­gen die Kon­trol­le über die ver­schie­de­nen Kor­rek­tur­sta­di­en ver­lo­ren?

All diese Fra­gen wer­den in der neuen Ur­text­aus­ga­be, die gegen Ende des Jah­res er­hält­lich sein wird, the­ma­ti­siert und an alle Gei­ger und El­gar-Fans wei­ter­ge­ge­ben. Einen wun­der­ba­ren Hör­ein­druck be­kom­men Sie bei­spiels­wei­se hier.

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