Im vergangenen Herbst saß ich in einem Konzert im Dachauer Schloss. Gespielt wurde unter anderem Mozarts Sinfonia concertante in Es-dur für Violine, Viola und Orchester KV 364 (320d). Die zwei jungen Solostreicher waren hinreißend gut, und es war klar, ohne Zugabe würde man sie nicht von der Bühne lassen. Also ergriffen beide nochmal ihre Instrumente und der Bratscher auch das Wort, um locker zu verkünden: „Als Zugabe spielen wir ein bisschen Passacaglia.“

Dieses bisschen Passacaglia ist eines der wirkungsvollsten Stücke, das man als Streicherduo spielen kann. Im Original ist es für Violine und Viola komponiert, nicht minder populär ist die Fassung für Violine und Violoncello. Auf Youtube finden sich viele Aufnahmen, und nicht selten sind es die Größten ihres Fachs, die hier zu sehen und zu hören sind. Itzhak Perlman und Pinchas Zukerman, Julia Fischer und Daniel Müller-Schott, die Brüder Capuçon und andere.

Aber von wem ist es nun geschrieben, dieses bisschen Passacaglia? Der Komponist der Originalfassung ist Johan Halvorsen (1864–1935), wobei auch eine ganze Menge Händel darin steckt, dazu gleich mehr. Die Fassung für Violine und Violoncello hat der russisch-amerikanische Geiger und Dirigent Mikhail Press nachträglich eingerichtet.

Johan Halvorsen (1864–1935)

Halvorsen gehört zu den wichtigen norwegischen Komponisten der Generation nach Edvard Grieg, und sein Gesamtwerk umfasst rund 170 Kompositionen – von Liedern und Kammermusik bis hin zu drei Symphonien und Bühnenwerken. Er zählte seinerzeit zu den renommierten Dirigenten. In der frühen Phase seiner Karriere trat er jedoch vor allem als Geigenvirtuose in Erscheinung. Mit diesem Instrument hatte er schon ab seinem 15. Lebensjahr seinen Lebensunterhalt bestritten. Ab 1884 hatte er zunächst am Konservatorium in Stockholm (in Norwegen gab es noch keine bedeutende Musikhochschule) und später in Leipzig beim berühmten russischen Geiger Adolf Brodsky studiert.

Auf gewisse Weise ist Halvorsens Passacaglia also ein sehr persönliches Werk. Zusammen mit seinem Duopartner Karl Johannessen (Viola) spielte Halvorsen am 9. Januar 1894 auch selbst die Urraufführung. Das Stück erfreut sich rasch großer Beliebtheit, auch Edvard Grieg, dem es Halvorsen zur Beurteilung vorlegte, nickte offenbar wohlwollend mit dem Kopf. Und so überrascht es nicht, dass der Verleger Wilhelm Hansen in Kopenhagen die Passacaglia gerne herausbrachte. Schon Halvorsens Orchesterwerk Einzug der Bojaren war sehr erfolgreich, und Hansen witterte einen weiteren Verkaufsschlager. Er wurde nicht enttäuscht.

Hört man die Passacaglia zum ersten Mal, denkt man sich sofort: Das kenn ich doch – nur irgendwie anders. Und recht haben jene, die so denken. Denn Halvorsen wählte als Basis für seine Komposition die berühmte Passacaglia aus Händels Cembalosuite Nr. 7. Diesem Werk ist das viertaktige Thema entnommen, und somit ist der Wiedererkennungseffekt unvermeidlich.

Viertaktiges Passacaglia-Thema bei Händel (oben) und bei Halvorsen (unten),
Henle-Urtext HN 336 und HN 1670

Halvorsens Passacaglia deshalb als bloße Werkbearbeitung einzustufen, wäre jedoch ein Irrtum. Nur das Thema und die ersten drei Variationen könnte man als Uminstrumentierung der Händel-Vorlage bezeichnen. Dann aber löst sich Halvorsen immer stärker davon – und das über nicht weniger als 17 weitere Variationen hinweg. Die Musik wird eigenständiger, dichter, virtuoser, effektvoller.

Passacaglia, virtuoses Finale, Henle-Urtext

Ab der elften Variation ist die Händel-Vorlage allenfalls noch zu erahnen. Zumal bei Halvorsen ein wichtiger Charakterzug gegenüber Händel neu hinzukommt: Seine Passacaglia ist nicht für ein Soloinstrument, sondern für zwei gleichberechtigte Partnerinnen komponiert, Violine und Viola. Daraus resultiert eine kompositorisch meisterhaft inszenierte Zwiesprache.

Passacaglia, intensiver Dialog der Stimmen, Henle-Urtext

Doch diese ist nicht das einzige dialogische Moment dieses Stücks. Dazu gesellt sich noch der Umstand, dass Halvorsen mit diesem Stück ein barockes Thema ins 19. Jahrhundert transferiert und somit auch die Stile und Epochen, ein aus der Barockzeit stammendes Kompositionsgerüst und seine eigene romantisch-virtuose Tonsprache, in ein lebendiges Beziehungsgeflecht integriert. Eine „musikhistorisch faszinierende Dialektik“ nennt das der Musikforscher Øyvin Dybsand von der Universität in Oslo, der unsere Urtext-Ausgabe mit einem Vorwort veredelt hat, wie nur er es schreiben konnte, denn wer sonst könnte aus Jahrzehnten der intensiven Halvorsen-Beschäftigung schöpfen. Øyvin Dybsand als Experten für Fragen der Biographie, der Stilistik und der Quellenkunde zu Halvorsen an der Seite zu haben, machte diese Urtext-Ausgabe erst möglich.

Bald nach Projektstart stand die Frage im Raum, ob man der Passacaglia in unserer Ausgabe nicht ihr Schwesterwerk an die Seite stellen wolle. Denn 1898 schrieb Halvorsen, die Erfolgswelle der Passacaglia reitend, eine Sarabande con Variazioni für die­selbe Besetzung. Wieder Violine und Viola, wieder nach Händel’schem Vorbild – diesmal nach der Cembalosuite Nr. 11 (HN 472).

Sarabande con Variazioni, 16-taktiges Thema, Henle-Urtext

Ganz hat Halvorsen mit der Verarbeitung des in diesem Fall 16-taktigen Themas die Prägnanz der Passacaglia vielleicht nicht erreicht. Womöglich ist dies der Grund, weshalb die Sarabande nicht ebenso populär wurde. Das macht dieses Stück heute aber erst recht zu einer Entdeckung – und ihrerseits zu einer äußerst wirkungsvollen Erweiterung des Repertoires, mit der man als Duo immensen Virtuoseneffekt erzielen kann. Deshalb haben wir im Henle-Verlag diese beiden Werke erstmals in einer Urtext-Edition zusammengebracht.

Sarabande con Variazioni, Stella Chen (Violine) und violinist Matthew Lipman (Viola), 2023

Eingehend haben wir dabei überlegt, wie man diese Musik am besten präsentiert. Woraus will man spielen, wenn man nicht gerade auswendig vorträgt wie die beiden beherzten jungen Herren im Dachauer Schloss? Wir haben mehrere Musikerinnen und Musiker befragt. Die vorherrschende Meinung war deutlich: Spielpartituren waren der eindeutige Favorit. So hat man stets im Blick, wo das jeweils andere Instrument gerade unterwegs ist. Das erleichtert nicht nur die Koordination, sondern fördert auch das Verständnis für diese beziehungsreich komponierte Musik.

Natürlich brachte das für uns, speziell für unseren Notengrafiker, Herausforderungen mit sich. Spielpartituren haben mehr Wendestellen, als dies bei Einzelstimmen der Fall wäre. Aber wir denken, dass wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, der Möglichkeit von Klapptafeln und der Klarheit des Henle-Notenbilds eine sehr gute Lösung gefunden haben. Und so erhält man unter der Henle-Nummer 1670 nun drei Spielpartituren je Einzelwerk. Eine unbezeichnete, eine für die Violine, eine für die Viola bezeichnete. Alles aus einer Hand, denn die Bezeichnungen stammen vom norwegischen Geiger und Bratscher Henning Kraggerud, der sich mit all seiner instrumentalen Hingabe in die Musik versenkt und an etlichen Stellen nicht nur eine, sondern sogar mehrere spielpraktische Zugangsweisen eingezeichnet hat – zusätzliche Hinweise von ihm wurden dabei in eckige Klammern gesetzt.

Sarabande con Variazioni, Thema und erste Variation, Spielpartitur Violine, Bezeichnungen von Henning Kraggerud

Für jene, die sich dieser anspruchsvollen Musik erstmals nähern, bietet das eine hervorragende Hilfestellung. Wer darauf nicht angewiesen ist, findet in der unbezeichneten Partitur sein Glück – und tut trotzdem gut daran, zumindest zwischendurch rüberzulinsen, wie der große Kraggerud das spielt. Wer aber wissen will, wie der große Halvorsen höchstselbst die Finger auf den Saiten platzierte, der kann sich die Originalbezeichnungen in der Henle-Library-App anzeigen lassen. Mehr geht nicht.

Passacaglia, Fassung für Violine und Violoncello, Henning Kraggerud (Violine) und Franz Kraggerud (Violoncello), Hellerup Kammermusikforening 2024

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