Pas­cal Rogé

Aus An­lass sei­nes 70. Ge­burts­tags, den der fran­zö­si­sche Pia­nist Pas­cal Rogé am 6. April 2021 be­ging, haben wir ihn zu einem In­ter­view ge­be­ten. Er ist welt­weit einer der be­kann­tes­ten Re­prä­sen­tan­ten sei­ner Ge­ne­ra­ti­on für die Dar­bie­tung fran­zö­si­scher Musik des 19. und 20. Jahr­hun­derts. Für die In­ter­pre­ta­ti­on die­ser Musik hat er in sei­nen Kon­zer­ten, Meis­ter­klas­sen und CD-Ein­spie­lun­gen Maß­stä­be ge­setzt. Seit zehn Jah­ren ar­bei­tet er mit dem G. Henle Ver­lag zu­sam­men und hat bis heute für 18 Ur­text-Edi­tio­nen den Fin­gersatz für den Kla­vier­part über­nom­men – selbst­ver­ständ­lich für Werke fran­zö­si­scher Kom­po­nis­ten, wobei sich der Bogen von Saint-Saëns über Cha­b­rier und Fauré bis zu Satie und Ravel spannt.

Peter Jost (PJ): Herr Rogé, am Pa­ri­ser Con­ser­va­toire haben Sie unter an­de­rem bei Lu­cet­te De­sca­ves stu­diert, einer ehe­ma­li­gen Schü­le­rin von Mar­gue­ri­te Long. Wel­che Rolle spiel­ten dabei Fin­ger­sät­ze von Frau Long, die ja noch in engem Kon­takt zu Kom­po­nis­ten wie Fauré, De­bus­sy und Ravel stand? Und hat­ten da­mals sol­che Fin­ger­sät­ze den Rang des Au­then­ti­schen?

Lu­cet­te De­sca­ves (1906–1993)

Mar­gue­ri­te Long (1874–1966)

Pas­cal Rogé (PR): Was Fin­ger­sät­ze an­geht, er­in­ne­re ich mich an einen Satz mei­ner Leh­re­rin Lu­cet­te De­sca­ves: „Fin­ger­sät­ze sind wie Schu­he, sie pas­sen nicht jedem“. Etwas, das ich mei­nen ei­ge­nen Schü­lern oft sage, ABER, auch wenn meine Leh­re­rin nicht auf der Be­fol­gung ihrer Fin­ger­sät­ze be­stand, hatte sie doch ei­ni­ge „Grund­sät­ze“, die sehr hilf­reich waren: „Fol­gen Sie immer der Form Ihrer Hände … Ver­mei­den Sie Wech­sel … Wenn Sie die Wahl haben, be­stimm­te Fin­ger sind aus­drucks­vol­ler … oder kräf­ti­ger … Wäh­len Sie mit Be­dacht …“, und ob­wohl sie eine Schü­le­rin von Mar­gue­ri­te Long war, wi­der­sprach sie Longs De­vi­se: „Kein Dau­men auf schwar­ze Tas­ten “, einer Regel, die ich per­sön­lich nie ver­stan­den habe!

Bei mei­nen Kennt­nis­sen über Fin­ger­sät­ze pro­fi­tier­te ich vom Erbe zwei­er gro­ßer Meis­ter für die­ses Thema: Yves Nat und La­za­re Lévy.

Yves Nat (1890–1956)

La­za­re Lévy (1882–1964)

 

 

 

 

 

Yves Nat war der Leh­rer mei­ner Mut­ter und La­za­re Lévy der Leh­rer von Loui­se Cla­vi­us-Ma­ri­us, einer heute ziem­lich un­be­kann­ten Leh­re­rin, die die As­sis­ten­tin von Lu­cet­te De­sca­ves, aber ein ech­tes Genie für Fin­gersatz und Übungs­pra­xis war. Ich ver­dan­ke ihr fast alles für meine Kla­vier­tech­nik und meine Fin­ger­fer­tig­keit.

Kla­vier­klas­se von Lu­cet­te De­sca­ves 1965. Sit­zend ganz rechts Lu­cet­te De­sca­ves, da­ne­ben die Schwes­tern Labèque und in der Mitte Pas­cal Rogé. Ste­hend vier­te von links mit Hut Loui­se Cla­vi­us-Ma­ri­us (1906-1975).

Zur Frage, ob es „au­then­ti­sche“ Fin­ger­sät­ze gab: Weder Fauré, De­bus­sy noch Ravel waren gute Pia­nis­ten, daher sahen sie kaum Fin­ger­sät­ze vor, und wenn sie dies taten, be­trach­te ich diese als „Vor­schlä­ge“, aber nie­mals als ver­bind­lich.

Ich bin si­cher, Sie ken­nen De­bus­sys For­mu­lie­rung in der ers­ten Aus­ga­be sei­ner Études: „Ich ver­zich­te ab­sicht­lich auf Fin­ger­sät­ze“, daher gilt: „Cher­chons nos doigtés!“

Ca­mil­le Saint-Saëns, Ti­tel­blatt der Erst­aus­ga­be des 5. Kla­vier­kon­zerts, Paris, Bi­bliothèque na­tio­na­le de Fran­ce

PJ: In un­se­rem De­bus­sy-In­ter­view haben Sie be­merkt, dass Sie ori­gi­na­le Fin­ger­sät­ze und Hand­ver­tei­lun­gen dann än­dern, wenn Sie den Ein­druck haben, dass diese der ad­äqua­ten In­ter­pre­ta­ti­on im Wege ste­hen. Ich er­in­ne­re mich etwa ans Fi­na­le von Saint-Saëns’ 5. Kla­vier­kon­zert (HN 1144), Takte 6 ff., wo Sie die Ver­tei­lung der Hände ge­gen­über der No­ta­ti­on um­ge­kehrt haben:

PR: Ich glau­be fest an Fin­gersatz-„Ein­rich­tun­gen“, so­lan­ge sie hel­fen und un­be­merkt blei­ben. Ei­ni­ge die­ser Ein­rich­tun­gen er­wei­sen sich sogar als schwie­ri­ger oder um­ständ­li­cher als das Ori­gi­nal! Beim Bei­spiel hier, im 5. Kon­zert von Saint-Saëns, soll meine „Ein­rich­tung“ vor allem Saint-Saëns’ Ab­sicht er­mög­li­chen, einen Ak­zent auf die obere Note des Ak­kords zu set­zen, was sehr schwer zu er­rei­chen ist, wenn man ihn mit einer Hand spielt, denn dann läge der Ak­zent zwei­fel­los auf dem gan­zen Ak­kord.

PJ: In Faurés 1. Vio­lin­so­na­te (HN 980) gehen Sie im Kopf­satz noch einen Schritt wei­ter und heben die vom Kom­po­nis­ten mit­tels m. g. ex­pli­zit an­ge­ge­be­ne Ver­tei­lung der Hände (Takt 140) auf:

Ga­bri­el Fauré (1845–1924)

Könn­ten Sie diese Stel­le aus Ihrer Sicht er­läu­tern?

PR: Dies ist ty­pisch für den Fin­gersatz eines Kom­po­nis­ten, der glaubt, dass die ge­sam­te mu­si­ka­li­sche Phra­se mit der­sel­ben Hand ge­spielt wer­den soll­te, und auch für einen „nicht so guten“ Pia­nis­ten (Fauré war ein ex­zel­len­ter Or­ga­nist, aber das ist etwas an­de­res!). Mein Fin­gersatz ist viel ein­fa­cher zu spie­len und macht im Er­geb­nis kei­nen Un­ter­schied. Er ist ei­gent­lich keine „Ein­rich­tung“, son­dern nur lo­gisch (sorry Ga­bri­el!).

PJ: Sie haben die Fin­ger­sät­ze für drei Sa­tie-Ti­tel (So­na­ti­ne bu­reau­cra­tique HN 1075, Avant-der­nières Pensées HN 1181 und Noc­turnes HN 1205) über­nom­men. Das mag zu­nächst über­ra­schen, da aus­ge­hend von sei­nen Gym­nopédies oder Gnos­si­en­nes seine Kla­vier­wer­ke als re­la­tiv ein­fach gel­ten. Aber neben dem tech­ni­schen gibt es noch einen wei­te­ren As­pekt?

Erik Satie (1866–1925)

PR: Fin­ger­sät­ze be­ein­flus­sen die In­ter­pre­ta­ti­on, und die Wahl eines be­stimm­ten Fin­gers führt zu einem an­de­ren Klang. Auf diese Weise nä­her­te ich mich dem Fin­gersatz für Satie, der, wie Sie be­reits er­wähnt haben, tech­nisch nicht an­spruchs­voll ist, aber eine be­son­de­re At­mo­sphä­re, Trans­pa­renz, Ein­fach­heit und einen be­son­de­ren Klang ver­langt. Ich wünsch­te, mein Fin­gersatz könn­te den In­ter­pre­ten in­spi­rie­ren und ihm hel­fen, Satie im rich­ti­gen Stil zu spie­len.

PJ: Könn­ten Sie dies an einem Bei­spiel de­mons­trie­ren?

 

PR: Neh­men Sie etwa Noc­turne Nr. 2, Takt 14, rech­te Hand:

Das Bei­spiel zeigt, dass ich nicht das „phy­si­sche“ Le­ga­to mit den Fin­gern be­vor­zu­ge, son­dern einen „trans­pa­ren­ten“ und kla­ren Klang, der mit einem „Halb­pe­dal“-Le­ga­to er­zielt wird, das so­zu­sa­gen über den Tas­ten „schwebt“, an­statt an ihnen fest­zu­kle­ben … Das ist schwer mit Wor­ten aus­drü­cken und noch schwe­rer mit Zif­fern! Aber durch die An­ga­be von „sprin­gen­den“ Fin­ger­sät­zen hoffe ich, dass der In­ter­pret das Le­ga­to auf „an­de­re Weise“ er­rei­chen will … Ist es ein wenig an­ma­ßend von mir, einen spe­zi­fi­schen Klang durch einen Fin­gersatz vor­zu­schla­gen? An­de­rer­seits ist dies die Be­deu­tung, die ich dem Fin­gersatz von „ein­fa­chen“ Par­ti­tu­ren wie Satie gebe: Ich emp­feh­le einen be­stimm­ten klang­li­chen und sti­lis­ti­schen An­satz durch den Fin­gersatz.

PJ: Wel­che Rolle spie­len Fin­ger­sät­ze, wenn Sie selbst un­ter­rich­ten, also bei Ihren Meis­ter­klas­sen? Ist dies ein wich­ti­ges Thema oder ein As­pekt, der nur ge­le­gent­lich an­ge­spro­chen wird?

PR: Es kommt dar­auf an … Ich be­ob­ach­te immer die Fin­ger­sät­ze des Schü­lers, aber wenn es mu­si­ka­lisch über­zeu­gend ist und er keine Pro­ble­me zu haben scheint, werde ich nichts än­dern (siehe die „Schuh“ -For­mu­lie­rung mei­ner Leh­re­rin!). Aber wenn der Klang nicht an­ge­mes­sen oder das Le­ga­to un­si­cher ist oder wenn ich sehe, dass der Schü­ler mit Schwie­rig­kei­ten zu „kämp­fen“ hat, schla­ge ich einen an­de­ren Fin­gersatz vor, aber nur im Sinne einer Emp­feh­lung, ich sage immer: „Pro­bie­ren Sie es aus, und wenn Sie sich damit woh­ler füh­len, ma­chen Sie es – wenn nicht, ver­ges­sen Sie’s!“

Ich ver­su­che, ihnen einen lo­gi­schen An­satz für den Fin­gersatz zu geben, ein Kon­zept, das sie auf an­de­re Stü­cke an­wen­den kön­nen. Ich mache das­sel­be mit der In­ter­pre­ta­ti­on, ich bin da, um ihnen zu hel­fen, so zu spie­len wie sie wol­len … nicht um meine ei­ge­ne Sicht des Stücks durch­zu­set­zen. Aber Dinge wie Klang, Far­ben, Ar­ti­ku­la­ti­on, Ba­lan­ce, Pe­da­li­sie­rung, Auf­bau einer Phra­se … las­sen sich auf jedes Re­per­toire und jede In­ter­pre­ta­ti­on über­tra­gen.

PJ: Ich danke sehr für die­ses In­ter­view und freue mich auf die Zu­sam­men­ar­beit für wei­te­re Edi­tio­nen im G. Henle Ver­lag.

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Eine Antwort auf »„Mein Fingersatz sollte dazu inspirieren, im richtigen Stil zu spielen“ – Interview mit Pascal Rogé«

  1. Kirmeier Konrad sagt:

    Vielen Dank für diesen interessanten Blog Beitrag.
    Dass Herr Rogé die Aufforderung einer Lehrerin nie verstanden hat, dass man den Daumen auf den schwarzen Tasten nicht verwenden soll, kann ich beim Spiel des wohltemperierten Klaviers nur unterstreichen. Ohne den Daumen auf den schwarzen Tasten ist das meiner Meinung nach gar nicht oder nur sehr schwer spielbar.

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