Alex­an­der Skrja­bin (1872–1915)

Wie in mei­nem letz­ten Blog an­ge­kün­digt, ist der Sam­mel­band mit den Etü­den op. 8 von Alex­an­der Skrja­bin in­zwi­schen er­schie­nen – unser Ge­burts­tags­ge­schenk für Alex­an­der Skrja­bin. Er ent­hält alle zwölf Etü­den, plus im An­hang eine zwei­te Fas­sung der be­rühm­tes­ten, der Nr. XII. Aber dazu spä­ter mehr. Zu­erst möch­te ich die Frage be­ant­wor­ten, mit der mein letz­ter Blog-Bei­trag schloss: Wie kommt es, dass der don­nern­de Ab­schluss der letz­ten Etüde mit sei­nem him­mel­stür­men­den Auf­stieg über die ge­sam­te Kla­via­tur im er­hal­te­nen Au­to­graph gänz­lich an­ders be­zeich­net ist?

In der au­to­gra­phen Fas­sung ver­misst man ein fff, kurz vor dem Auf­stieg re­du­ziert Skrja­bin die Dy­na­mik zu einem p, lässt den Klang wie­der an­schwel­len bis zum ff und schließt mit zwei Ak­kor­den im p. Ein ganz an­de­rer Klang­ein­druck, und – wie ich finde – eben­falls über­zeu­gend. Was gilt nun? Skrja­b­ins Au­to­graph oder die be­kann­te fff-Les­art, die aus der Erst­aus­ga­be stammt?

Fas­sung in Skrja­b­ins Au­to­graph.

Heute üb­li­che Fas­sung aus der Erst­aus­ga­be.

Als Skrja­bin seine Zwölf Etü­den An­fang 1895 zum Ab­schluss brin­gen woll­te, stand er unter einem ge­wal­ti­gen Zeit­druck. Sein Ver­le­ger war­te­te un­ge­dul­dig auf die Stich­vor­la­ge, die ihm of­fen­bar schon längst ver­spro­chen wor­den war, aber der Kom­po­nist feil­te und re­vi­dier­te un­ab­läs­sig. In einem Brief vom März des­sel­ben Jah­res ver­such­te er Be­laieff zu be­sänf­ti­gen und gab dabei einen an­schau­li­chen Ein­blick in seine Werk­statt: „Sie är­gern sich über mich – voll­kom­men zu Recht, doch ich habe etwas Nach­sicht ver­dient. Ich ar­bei­te der­zeit im wahrs­ten Sinn des Wor­tes ganze Tage durch; gleich nach dem Auf­ste­hen mache ich mich ans Werk und sitze dann, ohne auf­zu­ste­hen, bis zum Abend daran. […] Mei­nen Sie viel­leicht, dass ich etwas Neues ver­fas­se? Ganz und gar nicht, nur die Etü­den. Ei­ni­ge davon habe ich so stark um­ge­ar­bei­tet, dass Sie sie nicht wie­der­er­ken­nen wer­den; so ist zum Bei­spiel die in As-dur voll­stän­dig um­ge­stal­tet wor­den, eben­so die in b-moll und in dis-moll, und die an­de­re in b-moll hat einen neuen Mit­tel­teil.“ Das Au­to­graph ver­an­schau­licht die­sen Ar­beits­pro­zess, denn immer wie­der wur­den ganz Pas­sa­gen ge­stri­chen, neu no­tiert, teils wurde auf Über­kle­bun­gen die end­gül­ti­ge Fas­sung fest­ge­hal­ten – ein schö­nes Zeug­nis eines per­fek­tio­nis­tisch ver­an­lag­ten Kom­po­nis­ten.

Wie in vie­len Fäl­len auch, die Ge­gen­stand die­ses Blogs sind, war mit der Ab­ga­be der Stich­vor­la­ge an den Ver­le­ger die Ar­beit je­doch nicht ab­ge­schlos­sen. An zahl­rei­chen Stel­len weicht der Druck der Erst­aus­ga­be so ekla­tant vom Au­to­graph ab, dass nur der Kom­po­nist selbst für der­ar­ti­ge Ver­än­de­run­gen ver­ant­wort­lich ge­we­sen sein kann. Es ist an­zu­neh­men, dass Skrja­bin in der Fah­nen­kor­rek­tur nicht nur Stich­feh­ler be­an­stan­de­te (und et­li­che über­sah), son­dern oft neue Les­ar­ten ein­führ­te, die über den Text­stand des Au­to­graphs hin­aus­ge­hen. Diese Kor­rek­tur­fah­nen sind zwar ver­schol­len, je­doch legen Brie­fe nahe, dass sämt­li­che Än­de­run­gen in der 1895 er­schie­ne­nen Erst­aus­ga­be und in einer er­neut ver­bes­ser­ten Auf­la­ge aus dem Jahr 1897 durch den Kom­po­nis­ten au­to­ri­siert sind.

Damit ist die im letz­ten Bei­trag ge­stell­te und ein­gangs wie­der­hol­te Frage schon be­ant­wor­tet: Wir kön­nen davon aus­ge­hen, dass der fff-Schluss der Etüde XII auf den Kom­po­nis­ten selbst zu­rück­geht. Und dass er die zwei­fa­che Rück­nah­me der Dy­na­mik aus dem Au­to­graph ganz be­wusst zu­guns­ten einer ra­san­ten, strah­len­den Schluss­wir­kung auf­gab (und den to­sen­den Ap­plaus gleich mit­kom­po­nier­te, in den jedes Pu­bli­kum fre­ne­tisch aus­bricht, kaum dass der zwei­te dis-moll-Ak­kord er­klun­gen ist).

Va­len­ti­na Rub­co­va

Die neue Ur­text­aus­ga­be der Skrja­bin-Ex­per­tin Va­len­ti­na Rub­co­va stellt all das glas­klar dar, gibt prin­zi­pi­ell den Les­ar­ten aus der Erst­aus­ga­be den Vor­zug, über­nimmt aber ganz punk­tu­ell auch Zei­chen aus dem Au­to­graph. Das ge­schieht immer dann, wenn der Ver­dacht be­steht, dass Skrja­bin beim Kor­rek­tur­le­sen der Fah­nen etwas über­se­hen haben könn­te. Der No­ten­text der Erst­aus­ga­be ist zwar äu­ßerst zu­ver­läs­sig – per­fekt ist er hin­ge­gen nicht. Die al­ler­meis­ten die­ser Flüch­tig­kei­ten kön­nen je­doch über das Au­to­graph auf­ge­deckt und kor­ri­giert wer­den.

Vie­len Skrja­bin-Ex­ege­ten der Ver­gan­gen­heit be­gnüg­ten sich nicht mit einem sol­chen Vor­ge­hen. Sie ver­mu­te­ten an et­li­chen Stel­len wei­te­re Feh­ler und ver­än­der­ten in Neu­aus­ga­ben den No­ten­text über Au­to­graph und Erst­aus­ga­be hin­aus – nicht quel­len­ba­siert, son­dern auf der Grund­la­ge mu­si­ka­li­scher Plau­si­bi­li­tät. Ein Vor­ge­hen, das im Rah­men einer Ur­text­aus­ga­be na­tür­lich höchst pro­ble­ma­tisch ist. Eine die­ser Aus­ga­ben, er­schie­nen 1947 in Mos­kau, her­aus­ge­ge­ben von Igum­now/Mil­stein, be­haup­tet sogar, die vor­ge­schla­ge­nen Text­än­de­run­gen gin­gen auf Wün­sche des Kom­po­nis­ten selbst zu­rück. Eine Do­ku­men­ta­ti­on die­ser an­geb­li­chen Au­to­ri­sie­rung fehlt je­doch. Den­noch fan­den im An­schluss an Igum­now/Mil­stein diese Än­de­run­gen auch den Weg in mo­der­ne Aus­ga­ben.

Aus Sicht un­se­rer Her­aus­ge­be­rin Va­len­ti­na Rub­co­va haben die meis­ten die­ser spä­te­ren, nicht au­to­ri­sier­ten Va­ri­an­ten nichts mit Skrja­bin zu tun. Viele der Kor­rek­tu­ren sind je­doch ins Be­wusst­sein mo­der­ner Pia­nis­tin­nen und Pia­nis­ten ge­drun­gen. Um für all jene, die hier und da einen an­de­ren No­ten­text ge­wohnt sind, so­viel Trans­pa­renz wie mög­lich zu schaf­fen, führt un­se­re Aus­ga­be die wich­tigs­ten die­ser Les­ar­ten in Fuß­no­ten mit. Damit kann sich jede und jeder selbst ein Bild ma­chen und im Zwei­fels­fall ent­schei­den, wel­cher Va­ri­an­te sie oder er den Vor­zug geben will. Zur Il­lus­tra­ti­on hier der Schluss der Etüde I. In T. 47–50 brin­gen spä­te­re Aus­ga­ben ab­wei­chen­de Les­ar­ten, die „glat­ter“, sys­te­ma­ti­scher und lo­gi­scher wir­ken. Aber sind sie nicht ge­ra­de schon des­we­gen ver­däch­tig?

Und ganz zum Schluss noch ein letz­ter Ge­burts­tags­le­cker­bis­sen. In den oben ge­nann­ten Brie­fen zwi­schen Skrja­bin und sei­nem Ver­le­ger Be­laieff ist immer wie­der von einer zwei­ten Fas­sung der Etüde Nr. XII die Rede, bei der sich Skrja­bin nicht si­cher ist, ob er sie ver­öf­fent­li­chen soll oder nicht. Im­mer­hin schickt er sie an Be­laieff und schreibt: „Die Etü­den haben Sie ver­mut­lich be­reits er­hal­ten; dar­un­ter fin­den Sie auch die zwei­te Fas­sung der dis-moll Etüde, die ich nicht so­fort ver­öf­fent­li­chen möch­te. Möge sie ei­ni­ge Zeit bei Ihnen lie­gen blei­ben: Ir­gend­et­was darin be­frie­digt mich nicht; und um die Wahr­heit zu sagen, haben mich alle be­stürmt, sie um­zu­ar­bei­ten.“ Und spä­ter, im Zu­sam­men­hang der Kor­rek­tur­le­sun­gen: „Falls es Feh­ler geben soll­te, dann in der 2. Fas­sung der dis-moll Etüde, deren Druck vor­läu­fig nicht er­for­der­lich ist“. Man spürt förm­lich das Zö­gern des Kom­po­nis­ten, ob er diese Fas­sung an die Öf­fent­lich­keit geben soll oder nicht. Letzt­end­lich ver­sagt ihm der Mut, und auch auf An­ra­ten sei­ner Freun­de ge­langt diese Ver­si­on nicht zur Pu­bli­ka­ti­on. Skrja­b­ins Un­ent­schlos­sen­heit und seine Aus­sa­ge, der Druck sei „vor­läu­fig“ nicht er­for­der­lich, haben uns je­doch be­wo­gen, die­sen Schritt nun zu tun: Im An­hang des Sam­mel­ban­des HN 1486 (nicht je­doch in der Ein­zel­aus­ga­be HN 1583) dru­cken wir die zwei­te Fas­sung der Nr. XII, deren Au­to­graph sich er­hal­ten hat, end­lich ab. Und wir sind schon sehr ge­spannt, wie sie von der Kla­vier­welt auf­ge­nom­men wird!

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