Ro­dol­phe Kreut­zer (17661831)

Die Un­ter­schie­de könn­ten grö­ßer nicht sein: Ediert man ein Werk der Gro­ßen aus Klas­sik und Ro­man­tik, kann man in der Vor­be­rei­tung auf eine Fülle von In­for­ma­tio­nen aus einem Meer von wis­sen­schaft­li­cher Li­te­ra­tur zu­rück­grei­fen. Wen­det man sich Kom­po­nis­ten zu, die im Re­per­toire schon lange nur noch durch we­ni­ge oder gar ein ein­zi­ges Werk ver­an­kert sind, steht man häu­fig vor dem Nichts! Ro­dol­phe Kreut­zer ist fast so ein Fall.

Es ist schon er­staun­lich. Da hat man es mit dem auch heute wohl noch wich­tigs­ten Etü­den­werk des Violin­stu­di­ums welt­weit zu tun. Auf der Suche nach In­for­ma­tio­nen zu sei­nem Ent­ste­hen stößt man in kür­zes­ter Zeit auf sehr wi­der­sprüch­li­che Aus­künf­te, sei es in der ein­zi­gen mo­no­gra­phi­schen Ar­beit des 21. Jahr­hun­derts zu Kreut­zers frü­her Kar­rie­re (ver­fasst von In­grid Isola, er­schie­nen 2010), sei es in einer als „Ur­text“ be­zeich­ne­ten Aus­ga­be, die weder über einen kri­ti­schen Ap­pa­rat ver­fügt noch ei­ni­gen grund­le­gen­den Pro­ble­men auf den Grund ge­gan­gen ist. Und gleich­zei­tig stellt man fest, dass die un­zäh­li­gen Aus­ga­ben der letz­ten 150 Jahre den von Kreut­zer als Fas­sung letz­ter Hand ver­öf­fent­lich­ten Text ohne jeg­li­che Trans­pa­renz ge­gen­über dem Ori­gi­nal teils mas­siv er­gänz­ten und ver­än­der­ten.

Ein Bei­spiel zur Il­lus­tra­ti­on. Hier der Be­ginn der ers­ten Etüde, so wie er in der Erst­aus­ga­be wie­der­ge­ge­ben ist:

Und hier die­sel­ben Takte in den ak­tu­ell eta­blier­ten Aus­ga­ben der Her­aus­ge­ber Da­vis­son und Ga­la­mi­an:

 

Und nun noch eine zu­sätz­li­che Über­ra­schung: Wäre es nach Kreut­zers Wil­len ge­gan­gen, würde diese Etüde heute über­haupt nicht mehr un­ter­rich­tet wer­den. Denn er ver­warf sie in einer spä­te­ren, von ihm re­vi­dier­ten Aus­ga­be sei­nes Etü­den­werks!

Aber der Reihe nach.

1) Wann er­schien die Erst­aus­ga­be?

Ein Blick in die en­zy­klo­pä­di­schen mu­sik­wis­sen­schaft­li­chen Stan­dard­wer­ke The New Grove (2001) und Musik in Ge­schich­te und Ge­gen­wart (2003) scheint diese Frage schnell und ein­deu­tig zu be­ant­wor­ten: Die Etü­den er­schie­nen dem­nach 1796, wobei im Grove dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass „the ad­di­tio­nal two may not be Kreut­zer’s“, da die Erst­aus­ga­be le­dig­lich 40 Etü­den ent­hält (mehr dazu unten).

Ein­trag in Ger­bers Le­xi­kon

Wie sich her­aus­stellt, be­ruht die Da­tie­rung in bei­den En­zy­klo­pä­di­en auf einer Ein­tra­gung in Ernst Lud­wig Ger­bers Neues his­to­risch-bio­gra­phi­sches Le­xi­kon der Ton­künst­ler, 3. Teil, 1813. Er ver­weist dort auf „Etude de Vio­lon, ou Ca­pri­ces. Re­cueil 1. et 2. Paris, b. Im­bault, auch Of­fen­bach, 1796.“

Nicht er­kannt wurde of­fen­sicht­lich, dass sich die­ser Nach­weis auf eine an­de­re Ver­öf­fent­li­chung be­zieht, näm­lich auf zwei Dru­cke mit sechs bzw. zwölf Etü­den, die noch vor 1800 bei Co­chet (nicht Im­bault) in Paris er­schie­nen und nichts mit den heute be­rühm­ten 42 Etü­den zu tun haben.

Co­chet-Aus­ga­be „Etude ou Ca­pri­ce“ von Kreut­zer

Diese Tat­sa­che ist spä­tes­tens seit In­grid Iso­las Ar­beit Die Vio­li­ne­tü­den von Kreut­zer, Fio­ril­lo und Rode von 2003 be­kannt. Den­noch fin­det sich das fal­sche Datum z. B. noch in Neu­aus­ga­ben der Etü­den von 2010.

Ein ge­nau­er Blick auf das Ti­tel­blatt der Erst­aus­ga­be, unter Zu­hil­fe­nah­me eines eta­blier­ten bi­blio­gra­phi­schen Hilfs­mit­tels (Devriès/Le­su­re, Dic­tion­nai­re des édi­teurs de mu­si­que français), ent­hüllt das Er­schei­nungs­da­tum.

Ti­tel­blatt der Erst­aus­ga­be der „40 Etu­des ou Ca­pri­ces“ von Kreut­zer

Die Ver­lags­num­mer 411 weist in das Jahr 1805, die Ver­lags­adres­se „Rue de La Loi“, im Fe­bru­ar 1806 um­be­nannt in Rue de Ri­che­lieu, fes­tigt die­ses Datum. Die Hin­wei­se „Pro­priété de l’Au­teur“ und „Déposé à la Bi­bliothèque Impériale“ las­sen kei­nen Zwei­fel daran, dass es sich hier um die Erst­ver­öf­fent­li­chung han­delt, er­schie­nen im 1802 unter an­de­rem von Kreut­zer selbst ge­grün­de­ten Ver­lag „Ma­gasin de Mu­si­que dirigé par Mrs Che­ru­bi­ni, Méhul, Kreut­zer, Rode, N. Isouard et Bo­iel­dieu“. Pas­send zum Er­schei­nungs­jahr 1805/1806 fin­det sich im so­ge­nann­ten In­tel­li­genz­blatt (einem An­hang mit Wer­be­an­zei­gen) in der All­ge­mei­nen mu­si­ka­li­schen Zei­tung vom Ja­nu­ar 1806 unter der Ru­brik „Neue Mu­si­ka­li­en von ver­schie­de­nen Ver­le­gern, wel­che bei Breit­kopf und Här­tel zu haben sind“ auch ein Hin­weis auf un­se­re (noch) 40 Kreut­zer-Etü­den.

2) 40 oder 42? Sind alle Etü­den wirk­lich von Kreut­zer?

Die nun iden­ti­fi­zier­te Erst­aus­ga­be der Etü­den von 1805/06 ent­hält, wie der Titel ver­rät, le­dig­lich 40 Stü­cke. Es „feh­len“ die Etü­den Nr. 13 (Zäh­lung Ga­la­mi­an/Flesch, Nr. 14 bei Da­vis­son) und Nr. 25. Woher stam­men sie?

Dazu fin­den sich in der Li­te­ra­tur die un­ter­schied­lichs­ten Ver­mu­tun­gen. Der New Grove hält es – wie oben mit­ge­teilt – offen und schreibt, sie könn­ten mög­li­cher­wei­se nicht von Kreut­zer sein. De­fi­ni­ti­ver klingt es in The Strad 112 von 2001: „The first edi­ti­on con­ta­ins only 40 stu­dies, nos. 13 and 25 in later edi­ti­ons are not by Kreut­zer, but were added c. 1850 by an an­ony­mous French re­vi­ser.” (Diese Auf­fas­sung wird auch in einer ak­tu­el­len „Ur­text“-Aus­ga­be ver­tre­ten.) Dem wi­der­spricht die ver­mut­lich al­ler­ers­te, um 1831 er­schie­ne­ne Aus­ga­be, die 42 Etü­den ent­hält, her­aus­ge­ge­ben von Ales­san­dro Rolla. Dort heißt es auf dem Ti­tel­blatt (Ori­gi­nal ita­lie­nisch): „Neue, be­ar­bei­te­te Aus­ga­be er­gänzt durch zwei un­ver­öf­fent­lich­te Stu­di­en des­sel­ben Au­tors“.

Wie sich zei­gen wird, kam Rolla zwar der Wahr­heit näher, aber nur auf hal­bem Wege. Denn tat­säch­lich han­delt es sich bei bei­den Etü­den um au­then­ti­sche, von Kreut­zer selbst ver­fass­te Stü­cke. Sie blie­ben aber nicht bis 1831 un­ver­öf­fent­licht, wie Rolla be­haup­tet, son­dern er­blick­ten in einer von Kreut­zer selbst durch­ge­führ­ten Re­vi­si­on der Erst­aus­ga­be das Licht der Welt, die noch zu sei­nen Leb­zei­ten im Druck er­schien.

Ti­tel­blatt der Re­vi­si­on

Mo­ment, immer noch nur 40 Etü­den? Ja, denn Kreut­zer ent­fern­te in die­ser Samm­lung, „revue et cor­rigée par l’Au­teur“, die Stü­cke Nr. 1 und Nr. 12 und er­gänz­te die in der Erst­aus­ga­be nicht vor­han­de­nen Nr. 13(/14) und Nr. 25.

3) Der heute eta­blier­te Text. Kreut­zers Fas­sung letz­ter Hand?

Die re­vi­dier­te Aus­ga­be der Etü­den ist heute nur noch in einem ein­zi­gen Ex­em­plar nach­weis­bar (ver­trau­en Sie nicht den An­ga­ben in World­cat oder dem Karls­ru­her Vir­tu­el­len Ka­ta­log!). Sie muss in den letz­ten zwei Jahr­hun­der­ten kaum Ver­brei­tung ge­fun­den haben. Denn ob­wohl be­son­ders im 20. Jahr­hun­dert fast alle Neu­aus­ga­ben 42 Etü­den ent­hal­ten, zei­gen die No­ten­tex­te in den meis­ten Fäl­len den Stand der Erst­aus­ga­be (außer na­tür­lich für die zwei erst spä­ter hin­zu­ge­kom­me­nen Stü­cke).

Die von Kreut­zer in sei­ner Re­vi­si­on vor­ge­nom­me­nen Ver­än­de­run­gen und Kor­rek­tu­ren wur­den aus Un­kennt­nis in der Nach­fol­ge meist igno­riert. Dabei han­delt es sich zum Teil um grund­le­gen­de Um­ar­bei­tun­gen, etwa bei Etüde Nr. 23, die in einer völ­lig neuen Fas­sung ab­ge­bil­det wird. Kreut­zer griff in fast alle Etü­den ein, sei es, dass er Noten, Strich­be­zeich­nun­gen oder Fin­ger­sät­ze än­der­te oder die No­tie­rung bei mehr­stim­mi­gen Stü­cken ver­ein­fach­te. Stich­feh­ler der Erst­aus­ga­be wur­den kor­ri­giert (und lei­der auch neue Feh­ler hin­zu­ge­fügt).

Es be­steht kein Zwei­fel, dass diese in den 1820er Jah­ren er­schie­ne­ne re­vi­dier­te Aus­ga­be die Fas­sung letz­ter Hand aus der Feder Kreut­zers dar­stellt. Umso tra­gi­scher ist es, dass heute die ver­brei­te­ten Aus­ga­ben von Da­vis­son und Ga­la­mi­an wei­ter­hin auf dem Text der Erst­aus­ga­be ba­sie­ren – oder, wie im Fall der Etüde Nr. 22, auf einer durch einen frü­hen Nach­druck ver­stüm­mel­ten Fas­sung. Denn Breit­kopf & Här­tel druck­te diese Etüde be­reits 1806 in einer ei­ge­nen Aus­ga­be nach, um ganze 15 Takte ge­kürzt und mit ver­än­der­tem Schluss. Genau so fin­det sie sich auch heute noch in den meis­ten Aus­ga­ben.

Zeit für eine neue Ur­te­x­aus­ga­be? Ich denke, ja!

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2 Antworten auf »40 oder 42? Rodolphe Kreutzers Etüden als Urtextausgabe«

  1. Roger Burmeister sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    woher haben Sie die Information, dass es von der, von Kreutzer selbst revidierten Ausgabe der “40 Etudés de Kreutzer”, nur noch ein Exemplar geben soll?
    Ich würde gerne die Möglichkeit zum Vergleichen bekommen. Sehen Sie da eine seriöse Möglichkeit?
    Über eine Rückmeldung würde ich mich sehr freuen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Roger Burmeister

    • Sehr geehrter Herr Burmeister,

      besten Dank für Ihre Frage, die Sie uns über den Blog-Kommentar gestellt haben.

      Tatsächlich ist es so, dass zum Zeitpunkt unserer Editionsarbeit wohl nur ein einziges Exemplar in den Archiven und Bibliotheken weltweit nachweisbar war, nämlich hier: Iowa City, Rita Benton Music Library, Signatur Rare Book Room FOLIO MT265 .K93 1812. (Bibliothekslink)

      Diese Erkenntnis ist das Ergebnis unserer weltweiten Recherchen, die wir standardmäßig durchführen, wenn wir ein Urtextprojekt planen.

      Sie müssten sich an die Bibliothek wenden und eine Reproduktion dieser Quelle bestellen.

      Mit freundlichem Gruß
      Norbert Gertsch

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