Auf den ers­ten Blick schei­nen Ur­text-Edi­tio­nen von Sa­ties Kla­vier­mu­sik keine große Her­aus­for­de­rung dar­zu­stel­len. Haupt­quel­len sind in aller Regel die Erst­aus­ga­ben, die vom Kom­po­nis­ten selbst Kor­rek­tur ge­le­sen wur­den, wie die für ei­ni­ge Werke er­hal­te­nen Druck­fah­nen be­wei­sen. Über­dies haben sich viele der Au­to­gra­phen be­wahrt, die in Zwei­fels­fäl­len her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen. Die re­la­tiv leich­te Fak­tur und der klare Auf­bau vor allem der frü­hen Werke bie­ten oh­ne­hin kaum Edi­ti­ons­pro­ble­me. So­wohl Pia­nis­ten als auch Her­aus­ge­ber be­we­gen sich auf gut aus­ge­bau­ten, ebe­nen Wegen. Aber allzu si­cher soll­ten sie sich nicht füh­len, denn auch sol­che Wege sind nicht immer frei von Stol­per­stei­nen, wie der Fall der „2ème Gym­nopédie“ zeigt.

Die drei im Früh­jahr 1888 ent­stan­de­nen „Gym­nopédies“ stel­len heute Sa­ties be­kann­tes­te Werke dar. Durch ihre me­lo­di­sche Ähn­lich­keit – auf- und ab­stei­gen­de Ska­len­mo­ti­ve auf der Basis sta­ti­scher Ak­kord­be­glei­tun­gen – las­sen sie sich als Va­ri­an­ten der glei­chen Grund­idee be­schrei­ben, so als würde Satie den ima­gi­nä­ren an­ti­ken Tanz aus drei ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven schil­dern. Der ein­heit­li­che Zug der drei Stü­cke zeigt sich neben dem Me­lo­di­schen auch im For­ma­len: Alle drei Num­mern sind zwei­tei­lig auf­ge­baut, und zwar als Folge A–A’, also als Re­pri­se des ers­ten Teils im zwei­ten mit klei­nen Va­ri­an­ten (Kür­zun­gen und Deh­nun­gen von Glie­dern, Um­stel­lun­gen, har­mo­ni­sche Än­de­run­gen).

Schaut man sich unter die­ser Per­spek­ti­ve die „2ème Gym­nopédie“ ge­nau­er an, fällt auf, dass die Ab­wärts-/Auf­wärts­be­we­gung der Me­lo­die (Takte 6/7 sowie 10/11) bei der Wie­der­ho­lung durch zwei Auf­wärts­be­we­gun­gen (Takte 41/42 sowie 45/46) er­setzt ist – und zwar nicht nur in der Erst­aus­ga­be, son­dern auch in allen Nach- und Neu­dru­cken bis in die jüngs­te Zeit hin­ein.

Diese Nicht-Ent­spre­chung ist umso auf­fal­len­der, als die Ab­wärts-/Auf­wärts­be­we­gung zum me­lo­di­schen Kern ge­hört und weder in der ers­ten noch in der drit­ten der „Gym­nopédies“ bei der Wie­der­ho­lung va­ri­iert wird – warum dann aus­ge­rech­net in der zwei­ten? Der Blick ins Au­to­graph zeigt, dass Satie tat­säch­lich ur­sprüng­lich eine Va­ri­an­te der Grund­idee vor­sah, und zwar in bei­den Tei­len des Stücks, also beim ers­ten Er­klin­gen ge­nau­so wie bei der Wie­der­ho­lung. Ein­deu­tig no­tier­te er in den Tak­ten 6 und 10 sowie 41 und 45 die Auf­wärts­fol­ge f–g–a. Dann aber ent­schloss er sich zur Än­de­rung, ver­mut­lich um die Ähn­lich­keit mit den Me­lo­di­en der an­de­ren „Gym­nopédies“ zu ver­stär­ken und da­durch das Stück enger in den Zy­klus ein­zu­bin­den. Er än­der­te al­ler­dings nur die Takte 6 und 10 (das Vor­spiel der Takte 1–4 fehlt noch im Au­to­graph) zur Ab­wärts­fol­ge a–g–f:

Eine ent­spre­chen­de Än­de­rung in den Tak­ten 41 und 45 un­ter­blieb – zwei­fel­los aus Ver­se­hen, denn die Ab­schnit­te der Takte 5–19 und 40–54 sind, von klei­nen Va­ri­an­ten der dy­na­mi­schen Be­zeich­nung ab­ge­se­hen, voll­kom­men iden­tisch. Of­fen­bar ent­ging Satie die in­kon­se­quen­te Kor­rek­tur auch in der Stich­vor­la­ge und der Kor­rek­tur­fah­ne, die beide nicht er­hal­ten sind. So ge­lang­te die dop­pel­te Auf­wärts­be­we­gung in der Re­pri­se f–g–a | e–f–g (statt, wie nach der Kor­rek­tur be­ab­sich­tigt, a–g–f | e–f–g) in die Erst­aus­ga­be.

Könn­te es aber nicht doch sein, dass Satie in die­ser „2ème Gym­nopédie“ ganz be­wusst auf voll­kom­me­ne Ent­spre­chung ver­zich­ten, ja eine kon­ven­tio­nel­le Er­war­tungs­hal­tung gleich­sam au­gen­zwin­kernd un­ter­lau­fen woll­te? Ganz aus­schlie­ßen lässt sich dies nicht, aber es wi­der­sprä­che der Sta­tik, auf die es ihm in sei­nem neu ge­schaf­fe­nen pseu­do-an­ti­ken Stil der „Gym­nopédies“ ja ge­ra­de an­kommt. Denn der Wech­sel der Lauf­rich­tung in der Re­pri­se würde eine Ent­wick­lung an­deu­ten, die Satie ja ge­ra­de ver­mei­den will.

Warum er dann in spä­te­ren Aus­ga­ben die Stel­le nicht kor­ri­gie­ren ließ? Satie legte hier eine In­dif­fe­renz zu Tage, die auch an­de­ren Kom­po­nis­ten häu­fig zu Eigen ist. Wenn über­haupt, er­wäh­nen sie Feh­ler in Brie­fen oder kor­ri­gie­ren sie in ihren Hand­ex­em­pla­ren – wie es Satie bei­spiels­wei­se für Ogi­ves tat –, drän­gen aber nicht oder zu­min­dest nicht mit letz­ter Kon­se­quenz auf deren Be­he­bung bei den Ver­la­gen.

Spie­ler, die sich die „2ème Gym­nopédie“ erst­mals vor­neh­men, wer­den je­den­falls in Takt 41 stut­zen und sich fra­gen, ob die Um­keh­rung des Mo­tivs Ab­sicht oder Ver­se­hen ist. Bei vie­len Aus­ga­ben wer­den sie damit al­lein ge­las­sen, in der neuen Hen­le-Edi­ti­on ent­schied sich der Her­aus­ge­ber Ul­rich Krä­mer aus den ge­nann­ten Grün­den für eine An­glei­chung der Takte 41/46 an die Takte 6/10 und mach­te durch eine Fuß­no­te auf die Ab­wei­chung ge­gen­über den Quel­len auf­merk­sam.

Der Fall zeigt, dass „Ur­text“ ei­ner­seits die Kennt­nis der Quel­len vor­aus­setzt – ohne die Kor­rek­tur im Au­to­graph hätte man kei­nen An­halts­punkt zur Be­sei­ti­gung des Stol­per­steins –, an­de­rer­seits aber auch offen sein muss für In­ten­tio­nen, die über den über­lie­fer­ten Text in den Quel­len hin­aus­ge­hen.

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