Mau­rice Ravel (1875–1937)

Von An­fang an stand der Kla­vier­aus­zug von Ra­vels G-dur-Kla­vier­kon­zert auf der Wunsch­lis­te des Hen­le-Ver­lags, als es mit Blick auf 2008 darum ging, einen Plan für neue Ur­text-Edi­tio­nen von Ra­vels Kla­vier- und Kam­mer­mu­sik­wer­ken zu ent­wer­fen. Warum 2008? Ab dem 1. Ja­nu­ar 2008 – 70 Jahre nach dem Tod des Kom­po­nis­ten – fiel in den meis­ten Län­dern der Ur­he­ber­rechts­schutz weg. Al­ler­dings blieb die­ser Schutz aus­ge­rech­net in Frank­reich wei­ter­hin be­ste­hen, da dort für den Ers­ten Welt­krieg eine Ver­län­ge­rung von 6 Jah­ren und 152 Tagen und für den Zwei­ten Welt­krieg eine wei­te­re von 8 Jah­ren und 120 Tagen ver­an­schlagt wer­den. Damit wür­den Werke Ra­vels, die nach dem 31. De­zem­ber 1920 er­schie­nen waren, erst am 1. Mai 2016, und sol­che, die davor ver­öf­fent­licht wor­den waren, erst am 29. Sep­tem­ber 2022 frei wer­den.

Keine be­son­ders güns­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen, um 2008 neue Edi­tio­nen her­aus­zu­brin­gen, denn es liegt ja auf der Hand, dass zahl­rei­che Quel­len in Ra­vels Hei­mat­land auf­be­wahrt wer­den und ent­spre­chen­de Re­pro­duk­tio­nen mit Ver­weis auf die lau­fen­de Schutz­frist ver­wei­gert wer­den könn­ten. Im Falle des Kla­vier­kon­zerts ergab sich zudem das Pro­blem, dass der da­ma­li­ge Be­sit­zer der au­to­gra­phen Or­ches­ter­par­ti­tur, Jean-Jac­ques Lemoi­ne, eine Re­pro­duk­ti­on oder Ein­sicht­nah­me vor Ort mit der Be­grün­dung ab­lehn­te, die Hand­schrift wäre be­reits „Ge­gen­stand einer ernst­haf­ten Un­ter­su­chung“ – was auf ein Pu­bli­ka­ti­ons­pro­jekt eines an­de­ren Ver­lags mit ex­klu­si­vem Zu­gang zum Au­to­graph hin­wies (ge­meint war, wie sich spä­ter her­aus­stell­te, die Ver­öf­fent­li­chung des Eu­len­burg-Ver­lags von 2009).

Wäh­rend Henle Ur­text-Edi­tio­nen ei­ni­ger an­de­rer Ra­vel-Wer­ke mit güns­ti­ge­rer Quel­len­la­ge ver­öf­fent­li­chen konn­te (dar­un­ter Jeux d’eau und Mi­ro­irs noch 2008), muss­te das Pro­jekt Kla­vier­kon­zert wegen des nicht zu­gäng­li­chen Au­to­graphs erst mal ver­scho­ben wer­den. Zwar gab es Ge­rüch­te, dass der 2009 ver­stor­be­ne Lemoi­ne das be­sag­te Ma­nu­skript dem Fürs­ten­tum Mo­na­co ver­macht habe, aber kon­kre­te In­for­ma­tio­nen waren nicht zu er­lan­gen. Erst der 2021 in der Revue de mu­si­co­lo­gie er­schie­ne­ne Auf­satz Le fonds de ma­nu­scrits mu­si­caux de Mau­rice Ravel des Ar­chi­ves du Pa­lais prin­cier de Mo­na­co von Ma­nu­el Cor­ne­jo be­stä­tig­te das Ge­rücht und gab den Fund­ort prä­zi­se an: das Ar­chiv des Fürs­ten­pa­lasts von Mo­na­co. Da in­zwi­schen die Schutz­frist für das 1931/32 beim Pa­ri­ser Ver­lag Du­rand er­schie­ne­ne G-dur-Kla­vier­kon­zert ab­ge­lau­fen war (die fran­zö­si­schen Ge­set­ze zum Ur­he­ber­recht gel­ten auch in Mo­na­co), stand einer Neue­di­ti­on nichts mehr im Wege, die als HN 1508 vor Kur­zem er­schie­nen ist.

Ti­tel­blatt der Erst­aus­ga­be der Or­ches­ter­par­ti­tur

Haupt­quel­le un­se­rer Neu­aus­ga­be ist die Erst­aus­ga­be der Or­ches­ter­par­ti­tur, da sie als au­to­ri­siert gel­ten kann. Zwar haben sich keine Do­ku­men­te zur Druck­le­gung er­hal­ten, aber man kann davon aus­ge­hen, dass Ravel wie üb­lich die heute ver­schol­le­nen Fah­nen selbst durch­sah und kor­ri­gier­te. Die Aus­füh­rung der Kor­rek­tu­ren dürf­te er dem eng be­freun­de­ten Lek­tor des Du­rand-Ver­lags Lu­ci­en Gar­ban über­las­sen haben. Für die So­lo­stim­me (die Or­ches­ter­stim­men seien hier außen vor ge­las­sen) ist au­ßer­dem der von Gar­ban er­stell­te Kla­vier­aus­zug zu be­rück­sich­ti­gen, und zwar so­wohl die Erst­aus­ga­be als auch eine er­hal­te­ne Kor­rek­tur­fah­ne dazu, in der sich nicht nur Kor­rek­tu­ren von Gar­ban fin­den, son­dern auch (wenn­gleich sehr ver­ein­zelt) von Ravel sowie von Mar­gue­ri­te Long, der Pia­nis­tin der Ur­auf­füh­rung. Bei frag­wür­di­gen Stel­len wur­den fer­ner Ein­tra­gun­gen in den Hand­ex­em­pla­ren des Kla­vier­aus­zugs von Gar­ban und Long zu Rate ge­zo­gen. Wei­ters ent­hält die Quel­len­lis­te noch nach 1966 er­schie­ne­ne Nach­dru­cke von Or­ches­ter­par­ti­tur und Kla­vier­aus­zug, die ei­ner­seits of­fen­sicht­li­che Druck­feh­ler kor­ri­gier­ten, an­de­rer­seits aber auch zahl­rei­che Dy­na­mik­an­ga­ben än­der­ten.

Wie ist aber in die­ser doch recht reich­hal­ti­gen Quel­len­über­lie­fe­rung das Au­to­graph der Or­ches­ter­par­ti­tur ein­zu­ord­nen? Im Grun­de han­delt es sich um ein Dop­pel­au­to­graph, denn neben Ra­vels Nie­der­schrift des No­ten­texts in Tinte l fin­den sich zahl­rei­che Ein­trä­ge in Blei­stift von der Hand Garb­ans. Die­ser trug bei sei­ner Durch­sicht der har­mo­nisch und rhyth­misch kom­ple­xen Par­ti­tur Kor­rek­tu­ren und Än­de­run­gen gleich in das Ori­gi­nal ein – ein Ver­fah­ren, das sich be­reits bei an­de­ren au­to­gra­phen Par­ti­tu­ren (wie etwa für Boléro) be­währt hatte. Die meis­ten die­ser Ein­trä­ge Garb­ans sind in der Erst­aus­ga­be be­rück­sich­tigt und damit of­fen­sicht­lich au­to­ri­siert. Bei den in die Erst­aus­ga­be nicht über­nom­me­nen Kor­rek­tu­ren oder Än­de­run­gen ist nicht immer zu ent­schei­den, ob sie von Ravel ab­ge­lehnt wur­den oder aus Ver­se­hen im Druck feh­len – hier gilt die mu­si­ka­li­sche Plau­si­bi­li­tät als Richt­li­nie.

Dazu zwei Bei­spie­le für die So­lo­stim­me.

Im ers­ten Satz lau­ten die bei­den Ak­kor­de für die rech­te Hand in den Erst­aus­ga­ben von Par­ti­tur und Kla­vier­aus­zug in Takt 115 his2/dis3/fis3 und his1/e2/gis2:

Erst­aus­ga­be der Or­ches­ter­par­ti­tur, Satz I, Takte 112–115

Der Blick ins Au­to­graph zeigt, dass Ravel den ers­ten Ak­kord zwar ver­se­hent­lich als his2/dis3/fis3 no­tiert hatte, Gar­ban dies aber links da­ne­ben zu his2/e3/gis3 kor­ri­gier­te. Der zwei­te Ak­kord ist da­ge­gen ein­deu­tig (und ohne Än­de­rung Garb­ans) als cis2/e2/gis2 no­tiert:

Au­to­graph, Satz I, Takt 115

Kor­rekt muss die Stel­le also wie folgt lau­ten (Garb­ans Kor­rek­tur der ers­ten Note für die linke Hand, fis statt dis, wurde in den Erst­aus­ga­ben be­rück­sich­tigt):

Hen­le-Edi­ti­on, Satz I, Takt 115

Die bei­den Ak­kor­de wur­den be­reits in den er­wähn­ten Du­rand-Nach­dru­cken ge­än­dert, was be­legt, dass der un­be­kann­te Be­ar­bei­ter in den 1960er Jah­ren Zu­gang zum Au­to­graph ge­habt haben muss.

Wäh­rend diese bei­den Stel­len durch die mar­kan­te Kor­rek­tur Garb­ans auf­fäl­lig sind und daher auch in allen spä­te­ren Aus­ga­ben an­de­rer Ver­la­ge kor­ri­giert wur­den, be­trifft das zwei­te Bei­spiel eine rhyth­mi­sche Ab­wei­chung zwi­schen Au­to­graph und den Erst­aus­ga­ben von Par­ti­tur und Kla­vier­aus­zug, die man leicht über­se­hen kann.

In den Druck­quel­len hat die rech­te Hand im drit­ten Satz in Takt 219 zu­nächst eine Vier­tel­pau­se, dann den Ach­telak­kord eis1/fis1/ais1, ge­folgt von einer Ach­tel­pau­se:

Erst­aus­ga­be der Or­ches­ter­par­ti­tur, Satz III, Takte 216–219

Im Au­to­graph no­tier­te Ravel da­ge­gen (ohne Än­de­rung von Gar­ban) Ach­tel­pau­se, Ach­telak­kord und Vier­tel­pau­se:

Au­to­graph, Satz III, Takt 219

Zwar lässt sich nicht aus­schlie­ßen, dass Ravel in den Fah­nen den Rhyth­mus ge­än­dert hat, aber mit Blick auf die ana­lo­ge Stel­le des Takts 22 (Kla­ri­net­te) er­scheint die Les­art des Au­to­graphs, die wir über­nom­men haben, plau­si­bler:

Erst­aus­ga­be, Satz III, Takte 19–22

Wie diese Bei­spie­le zei­gen, denen man noch wei­te­re an­fü­gen könn­te, weist die Erst­aus­ga­be der Or­ches­ter­par­ti­tur als Haupt­quel­le trotz der Kor­rek­tur­le­sun­gen von Ravel und Gar­ban zahl­rei­che Ab­wei­chun­gen auf, die sich als Stich­feh­ler er­wei­sen – was bei einer so kom­ple­xen Par­ti­tur nicht wun­dert. Frag­los stellt das Au­to­graph damit die wich­tigs­te Ne­ben­quel­le für die Edi­ti­on dar. Das War­ten auf den Zu­gang zu die­ser Quel­le hat sich also zwei­fel­los ge­lohnt.

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