Faksimile-Ausgaben des Hauses Henle waren immer mal wieder Thema in diesem Blog. Für den heutigen Blog-Beitrag will ich mich aber einmal ganz persönlich auf ein Faksimile-Projekt fokussieren, das ich mitbetreuen durfte: Bachs Flötensonate h-moll.

So sehr wir Lektoren dafür brennen, weitere Henle-blaue Urtextausgaben zu erarbeiten (und das bleibt natürlich unser Hauptfokus!), so sehr freuen wir uns, ab und zu Sonderprojekte auf den Weg zu bringen, die Abwechslung in unseren Alltag bringen. Faksimile-Ausgaben sind solche Spezialprodukte, denn schon bei der Covergestaltung dürfen wir gemeinsam mit unserer Herstellungsabteilung kreativ werden, und so kommt es dann, dass Bach plötzlich in Gelb statt Blau daherkommt. Und auch die sonstige Arbeit an solch einem Projekt unterscheidet sich deutlich vom Urtext-Lektorieren. Von der Bildbearbeitung bis zur Festlegung von Buchformat und Satzspiegel, all das von der Herstellungsabteilung entwickelt und gesteuert – das sind Abläufe und Fragestellungen, mit denen wir im Lektorat sonst wenig zu tun haben.

Weicht also die „normale“ Arbeit an einem Faksimile schon von unserem Editionsalltag ab, war das Bach-Faksimile aus verschiedenen Gründen für mich ein ganz besonderes Erlebnis, und das möchte ich kurz skizzieren.

1)

Die Idee, eine Bach-Handschrift zu faksimilieren, kam ursprünglich von Vertriebs- und Kundenseite. Bei der Auswahl der Handschrift spielten dann zwei Aspekte eine Rolle: Es sollte sich einerseits um ein zentrales Werk sowie ein besonders schönes Autograph handeln. Und andererseits sollte kein neueres Faksimile dieser Handschrift auf dem Markt lieferbar sein. Die Wahl fiel schnell auf „die“ Flötensonate schlechthin, die Sonate h-moll BWV 1030, deren Autograph in der Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz liegt.

Martina Rebmann bei der Präsentation von Mozarts Zauberflöte,
Copyright: Matthias Miller

Ich nahm Kontakt mit Martina Rebmann auf, der Leiterin der dortigen Musikabteilung, und da bei mir ohnehin ein Berlin-Besuch anstand, ging ich einen Nachmittag in die „Stabi“ und durfte das originale Autograph im Lesesaal anschauen und untersuchen. Ein wirklich ganz besonderes Erlebnis! Auch wenn ich das Digitalisat vorher genau studiert hatte – wenn das Original vor einem auf dem Tisch liegt, gewinnt man doch ganz andere Einblicke, vor allem hinsichtlich der physischen Beschaffenheit wie Lagenordnung (wie hängen die Papierbögen zusammen, wie sind sie gebunden oder zusammengelegt), Erhaltungszustand, etc. Dass viele der Bach-Autographe der Staatsbibliothek zu Berlin in den vergangenen Jahrzehnten aufwendig restauriert worden sind, erläuterte mir im Anschluss Martina Rebmann. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, denn auch das Autograph der h-moll-Sonate war mithilfe eines besonderen Verfahrens, der „Papierspaltung“ restauriert und für die Zukunft bewahrt worden. Frau Rebmann gewährte mir faszinierende Einblicke in diesen Prozess, und schnell war klar, dass sie in einem eigenen begleitenden Text für unsere Ausgabe nicht nur auf die Bedeutung der Bach-Sammlung, sondern auch auf das aufwendige Restaurierungsverfahren eingehen würde. (Sämtliche Texte sind hier einzusehen.)

2)

Bei der Überlegung, wer uns einen wissenschaftlichen Kommentar zur Handschrift schreiben könnte, war bei uns schnell die Wahl auf Yo Tomita gefallen, den international angesehenen Bach-Forscher. Wir waren außerdem schon miteinander bekannt, denn Tomita fungiert bei uns als Herausgeber des zweiten Teils des Wohltemperierten Klaviers (HN 16). Tomita sagte schnell und begeistert zu. Und schon recht früh wurde deutlich, dass ihn eine Eigenheit des Manuskriptes besonders interessierte. Denn dem Autograph (Cembalo-Part mit darüber notierter Flötenstimme) ist eine separate Flötenstimme beigegeben, die allerdings nicht von Bachs Hand, aber offenbar aus Bachs Zeit stammt. Wer schrieb diese Stimme, warum wird sie zusammen mit dem Autograph aufbewahrt – und wie sollten wir mit ihr umgehen?

Yo Tomita

Dass wir die Stimme im Faksimile mitliefern wollten, war schnell klar, und auf Tomitas Anregung hin beschlossen wir, sie als separates Doppelblatt lose (aber in einer Lasche am Ende des Buchs) und herausnehmbar beizufügen. Denn so wird das Faksimile zu einem „Performer’s Facsimile“: Musikerinnern und Musiker können aus unserer Ausgabe musizieren; der Cembalist aus dem Autograph, der Flötist aus der abschriftlichen Stimme. Somit können sie die Aufführungssituation aus Bachs Zeit authentisch nachstellen.

Bei der Erforschung der Frage, wer die Stimme geschrieben haben könnte, gelang Tomita schließlich eine kleine Sensation. Durch akribischen Schriftvergleich konnte er den Beweis führen, dass sie von der Hand Johann Gottlieb Goldbergs stammt, einem Bach-Schüler, den wir heute vor allem durch die Legende zu Bachs Goldberg-Variationen kennen. Diese wissenschaftliche Sensation stellte Tomita erstmals bei einer Tagung in Genf vor, „Biennial Baroque 2023“. Wenn bei einem so gründlich erforschten Komponisten wie Bach neue Forschungsergebnisse präsentiert werden, wollte ich dabei sein. Ich traf also Tomita in Genf, hörte seinen Vortrag, erlebte die begeisterte Aufnahme seiner Hypothese unter den anwesenden Experten und stieß abends mit Tomita auf seinen Coup an!

3)

Henle-Herstellerin Gabi Lamprecht und ich beim Druck des Faksimiles im Memminger Medien Centrum

Und schließlich der letzte „Akt“ dieses aufregenden Projektes, der Druck im Memminger Medien Centrum. Bei Faksimile-Drucken ist es inzwischen fast üblich, dass wir anwesend sein dürfen. Können doch die Drucker an der Maschine noch nachjustieren, wenn die ersten Bögen zur Kontrolle auf dem Licht-Tisch begutachtet werden und wir noch Wünsche an das Ergebnis haben (heller, dunkler, mehr Rot, weniger Blau, ein tieferes Schwarz…). In seltenen Fällen haben wir sogar das Original vor Ort und können die Farbgebung dann wirklich so gut es geht dem Manuskript angleichen. Beim Bach-Faksimile war das nicht möglich, denn: Bach-Autographe reisen nicht mehr, wenn irgend möglich! Wir hatten vorab mithilfe von Proofs den Farbfindungsprozess weitgehend abgeschlossen. Proofs sind Abzüge, die vor dem Druck die Farbgebung zur Kontrolle möglichst gut simulieren; sie gingen natürlich auch an Martina Rebmann nach Berlin, die sie dort mit dem Original verglich. Anhand dieser Proofs, Frau Rebmanns Kommentaren (und auch anhand meiner Erinnerung an die Originale) konnten wir dann so lange nachbessern, bis alle zufrieden waren.

Dabei ist es aber wichtig im Kopf zu behalten: Ein Faksimile nähert sich dem Original an, so gut es geht – es ersetzt das Original nicht. Eine völlige Übereinstimmung kann nicht erreicht werden. Ein wichtiger Gedanke, denn er macht uns bewusst, dass auch im Zeitalter schneller und leichter Reproduzierbarkeiten der Wert von Originalen keineswegs geschmälert wird!

Ein ganz besonderes Projekt also, das mir mit all seinen Aspekten lange in Erinnerung bleiben wird. Martina Rebmann und Yo Tomita möchte ich an dieser Stelle besonders für die wunderbare Zusammenarbeit danken!

Und zum Schluss noch die Frage: Warum eigentlich gelb? Nun, hier wird es sehr subjektiv, aber als ich mich gefragt habe, welche Farbe zu dieser ganz besonderen Flötensonate passt, sah ich etwas Helles, Leuchtendes vor meinem inneren Auge. Und nach der Durchsicht unzähliger Papier- und Kartonmuster einigten wir uns dann auf „Bach in Gelb“. Wer genau hinschaut, wird in der Prägung des Titels allerdings auch unsere Hausfarbe Blau entdecken…

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