249 von insgesamt 466 im Werkverzeichnis erfassten Werken lassen keinen Zweifel aufkommen: Das Lied stand im Mittelpunkt von Fanny Hensels kompositorischem Schaffen! Von der ersten erhaltenen Komposition der 14-jährigen – ein 1819 zum Geburtstag des Vaters entstandenes Lied – bis zur letzten, 1847 niedergeschriebenen zieht sich das Klavierlied wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Œuvre. Höchste Zeit also, dass dem schon vor Jahrzehnten im Henle-Verlag erschienenen Auswahlband mit Klavierwerken (HN 392) endlich ein Liederband (HN 1610) zur Seite gestellt wurde!
Zumal die Forschungslage zu Fanny Hensel geb. Mendelssohn Bartholdy sich heute für einen Urtext-Verlag als geradezu ideal darstellt. Das Schaffen der bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts hinein nur als „Schwester von“ wahrgenommenen und damit maßlos unterschätzten Komponistin ist inzwischen durch ein wissenschaftliches Werkverzeichnis erfasst, ein Großteil der erhalten Quellen im Mendelssohn-Archiv der Berliner Staatsbibliothek sind online zugänglich, Briefe und Tagebücher wissenschaftlich aufgearbeitet, zahlreiche Studien zu Leben und Werk erschienen. Last but not least erlaubte die Online-Platform Hensel Songs Online, auf der Tenor Tim Parker-Langston Übertragungen zu sämtlichen Liedern Fanny Hensels präsentiert, einen vollständigen Überblick über die Lieder. Was will man mehr!

Erstausgabe von op. 1, D-B DMS 71019
Blieb nur die kleine, aber nicht unwesentliche Frage, welche der 249 Lieder für den geplanten Auswahlband nun in Frage kämen: Sollten wir uns auf bisher Ungedrucktes beschränken? Wäre es besser, Lieder auf Texte eines Dichters auszuwählen oder sich auf eine Lebensperiode der Komponistin zu konzentrieren? Schnell entschieden wir, dass die 1846/47 als Opus 1 und 7 erschienenen 12 Lieder am Anfang unseres Bandes stehen sollten: Sie umfassen eine Auswahl von Liedern, die sie zwischen 1839 und 1846 auf Texte von Goethe, Heine, Eichendorff, Rückert, Lenau und Geibel komponiert hatte. So hatte Fanny Hensel sich im Alter von 41 Jahren endlich einem breiteren Publikum vorgestellt, so wollte sie als Liedkomponistin in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

„Ich bin begeistert, dass Hensels Lieder endlich ihren Platz im Kanon der Lieder des 19. Jahrhunderts einnehmen.“ – Stephen Rodgers
Vor diesem Hintergrund konzentrierten wir uns auf frühere Werke und erweiterten den Kreis der Dichter um Namen wie Uhland, Tieck oder Klopstock, um die Lieder aus Opus 1 und 7 in den Kontext ihres gesamten Liedschaffens einzubetten. Ein weiterer Gesichtspunkt war die Quellenlage: Die Lieder sollten in mehreren Quellen überliefert sein, damit wir eine solide Basis für die Edition hatten. Mit der wissenschaftlichen Expertise des renommierten Hensel-Forschers Stephen Rodgers und der praktischen Erfahrung der Sängerin Juliane Banse, die uns bei der Arbeit an diesem Band taktkräftig unterstützten, resultierte daraus dann eine Auswahl, die vom schlichten Strophenlied (An einen Liebenden im Frühling, 1824) über dramatische Miniaturen (Harfners Lied, 1826) bis hin zu groß angelegten Gesängen (Gegenwart, 1833) viele Facetten von Fanny Hensels Liedschaffen beleuchtet.

„Ich hoffe, dass mit jeder dieser (Wieder-)begegnungen Ihre Liebe und Bewunderung für Fanny Hensel wachsen wird und Sie diese wunderbare Musik weiter in der Welt verbreiten werden.“ – Juliane Banse (Foto: Elsa Okazak)
Die Arbeit mit den Quellen hielt dann einige Überraschungen bereit, die diesen Liederband für mich persönlich zu einem meiner schönsten Editionsprojekte gemacht haben. Das beginnt schon mit Fanny Hensels Sammelhandschriften: Sie notierte ihre Kompositionen direkt in gebundene Alben mit Notenpapier, die sie chronologisch Seite um Seite füllte und penibel mit Ort und Datum bezeichnete, oder sie ließ einzelne Werke eines bestimmten Zeitraums nachträglich zu Konvoluten zusammenbinden. Die im Nachlass der Familie Mendelssohn erhaltenen Alben bieten eine wohlgeordnete und vermutlich nahezu lückenlose Dokumentation ihres Schaffens von März 1820 bis Dezember 1846. Sie bezeugen das Selbstbewusstsein einer Komponistin, die ab dem 15. Lebensjahr immer wieder darauf hingewiesen wurde, dass das Komponieren für Frauen nur ein Hobby sein dürfte. Zugleich geben sie Aufschluss, über ihre Art zu komponieren, denn diese frühen Niederschriften enthalten häufig zahlreiche Korrekturen.

Erwin, Autograph, D-B MA Ms. 49, S. 109
Darüber hinaus schrieb sie ihre Lieder auch oft für andere nieder: sei es ein Liederkreis für den Bruder Felix oder ein Band für ihren Mann Wilhem Hensel, dem sie (vermutlich zum 10. Hochzeitstag 1839) eine „Auswahl aus meinen Büchern. Sieben und sechzig Lieder für eine, und mehrere Stimmen“ schenkte. Ein besonders schönes Beispiel stellt das Reisealbum zur Italienreise 1839/1840 dar: Fanny Hensel notierte darin 18 Kompositionen, die während der Reise entstanden waren oder in den Kontext passten, Wilhelm Hensel schuf ein kunstvolles Titelblatt und fügte zu Beginn eines jeden Stücks kolorierte Vignetten ein, die auf Themen der Lieder Bezug nehmen.

Gondellied, Reisealbum, D-B MA Ms. 163
Die für andere entstandenen Alben sind ebenso wie Einzelniederschriften in Stammbüchern oder Musikalben befreundeter Musikerinnen und Musiker besonders wertvoll für die Edition, da sie mitunter mehr Informationen zur Ausführung der Werke enthalten – während in den zum persönlichen Gebrauch bestimmten Niederschriften manchmal weder Tempo noch Artikulation bezeichnet sind. So erhält der Frühlingsabend erst in der späteren Niederschrift für Wilhelm Hensel die Vortragsangabe „Suave“ und eine differenzierte Dynamik. Zugleich wird aber auch in der Singstimme ein kleine Verzierung notiert (T. 5), der Klaviersatz modifiziert (vgl. T. 8–10 und 12 f.) und der Text der 2. Strophe verändert. Im früheren Autograph folgt dieser noch exakt der Vorlage von Ludwig Voß: „Unter dämmerndem Sternenschein / wandl’ ich Mädchen mit mir allein / durch die dunkleren Gänge. / O mein bebendes Herz umwühlt, / was ich nimmer zuvor gefühlt, / wundersames Gedränge!“ In der späteren Niederschrift wandelt das Mädchen hingegen „durch die blühende Heide“ und bekennt mit „O mein bebendes Herz erregt, / was mich nimmer zuvor bewegt, / Wunderliebliche Freude!“ weniger aufrührende Gefühle als zuvor.

oben: Frühlingsabend, frühe Niederschrift, D-B MA Ms. 35, S. 64
unten: Frühlingsabend, späte Niederschrift, D-B MA Ms. 128, S. 26
Die musikalischen wie auch die textlichen Varianten dieser beiden Autographe sind typisch für Fanny Hensels Liedschaffen. So fällt beim Vergleich der Autographe auf, dass sich mit jeder neuen Niederschrift eines Liedes Details im musikalischen Text ändern: Gerade Rhythmen werden zu punktierten (und umgekehrt), Akzente und Verzierungen ergänzt oder gestrichen, der Klaviersatz wird klanglich aufgefüllt oder anders figuriert. Mal lassen sich die Änderungen als eine fortschreitende Revision des Notentexts zur „Fassung letzter Hand“ deuten – mal belegen sie eher gleichwertige Varianten. Der für unsere Urtextausgabe vorgenommene Vergleich der Liedtexte mit den Gedicht-Vorlagen wiederum zeigt, dass Hensel immer wieder nicht nur sprachliche, sondern auch inhaltliche Änderungen vornahm. Die Änderung des wiederholten „Dann“ zu „So“ in Wenn der Frühling kommt (Heinrich Heine) lässt sich damit erklären, dass dieses Wort leichter singbar ist – und hätte womöglich sogar die Zustimmung des Dichters gefunden. Die inhaltliche Abwandlung der Schlussverse hingegen nimmt dem Gedicht seine ironische Pointe und zerstört damit einen Wesenszug der Heineschen Lyrik.
Auch der intime Charakter von An einen Liebenden im Frühling erweist sich bei genauerer Betrachtung als ein Konstrukt der Komponistin. Bei Ludwig Tieck heißt das Gedicht nämlich „An einen Liebenden im Frühling 1814“ – womit der Kontext der Befreiungskriege angesprochen und der Liebende als Vaterlandsliebender zu deuten ist. Fanny Hensel streicht jedoch die Jahreszahl aus dem Titel und auch die ganze vierte Strophe, die den politischen Kontext konkretisiert, wodurch der politische zum privaten Frühling mutiert.
Das 1824 entstandene Lied bietet zugleich ein schönes Beispiel für die geradezu „sparsame“ Gestaltung des Klaviersatzes mancher Lieder – möglicherweise hätte Hensel diesen für eine gedruckte Veröffentlichung noch bearbeitet und auch die Dynamik bezeichnet, aber dazu kam es nicht. So ist es der Fantasie der Ausführenden überlassen, aus Hensels Vorlage ein spannendes Strophenlied zu machen. Was für aufregende Ergebnisse die historische Aufführungspraxis auch und gerade bei Fanny Hensels Liedern zutage bringt, konnte man übrigens am letzten Wochenende beim ersten Internationalen Fanny-Hensel-Lieder-Wettbewerb erleben. Hören Sie doch mal rein!
