Scott Joplins Ragtimes und übrige Klavierstücke zählen zu den Klassikern der amerikanischen Musikgeschichte und werden weltweit von jung und alt gespielt. So war es lange überfällig, dass Joplin endlich auch in den bekannten blauen Umschlägen erscheint und in den Henle-Urtext-Kanon aufgenommen wird.

Für dieses Editionsprojekt kann man sich wahrlich keinen geeigneteren Herausgeber vorstellen als den Musikwissenschaftler, Dirigenten und Pianisten Jo­shua Rifkin, der in den 1970er-Jahren mit seiner Schallplatteneinspielung Piano Rags für ein großes Joplin-Revival sorgte. Der Henle Verlag ist außerordentlich stolz darauf, zusammen mit Rifkin eine umfangreiche zweibändige Ausgabe sämtlicher Klavierwerke Joplins herauszubringen. Als kleiner Vorgeschmack auf diese in Arbeit befindliche Edition sind soeben die beiden Einzelausgaben The Entertainer (HN 1727) und Maple Leaf Rag (HN 1728) erschienen. Aus diesem freudigen Anlass haben wir das folgende Interview mit ihm geführt:

Dominik Rahmer, Henle Verlag: Lieber Joshua, als erstes eine persönliche Frage: was war Ihr erster Gedanke, als Sie die frisch gedruckten Henle-Ausgaben von The Entertainer und Maple Leaf Rag in den Händen hielten?

Joshua Rifkin: Es ist komisch: Ich habe eine Art Aberglaube bei neu erschienenen Arbeiten und will die mir eine Zeit lang nicht anschauen – die Sendung mit der h-moll-Messe habe ich sogar nach vielen Jahre nicht aufgemacht! Aber bei Joplin war mir von vornherein klar, dass es anders sein müsste; und als Sie mich danach fragten, wusste ich, dass die Zeit gekommen sei.

Meine Gedanken? Freude, natürlich, an der schönen Henle-Aufmachung – dem berühmten blauen Umschlag (hier sogar in einer neuen, diskret aktualisierten Gestalt), dem eleganten Notenstich und Textdruck … aber noch mehr: tief angetan, den Namen Joplin gerade hier zu sehen! Diese Editionen und die zweibändige Gesamtausgabe bedeuten für mich – wenn ich so altmodisch reden darf – eine Pflicht, die bereits jetzt erfreulich in Erfüllung geht.

DR: Sie sind ja ein sehr erfahrener Philologe und haben kein geringeres Werk als Bachs h‑moll-Messe in einer kritischen Neuausgabe vorgelegt, auch Werke von Heinrich Schütz haben Sie ediert. Eine Urtextausgabe von Werken Scott Joplins muss da eine ganz andere Welt sein – oder vielleicht doch nicht? Was sind die Besonderheiten bei diesem Editionsprojekt?

JR: Wie Sie andeuten: Jedes editorische Projekt ist einerseits wie alle anderen, andererseits absolut einmalig. Noten sind Noten, könnte man sagen. Doch sind Noten aus dem frühen 20. Jahrhundert anders als Noten des 17. oder 18. Jahrhunderts. Bei Bach und Schütz etwa hatte ich mich nicht mit den erst später üblich gewordenen, bei Joplin bisweilen reichlich vorhandenen Vortragsbezeichnungen – zu Dynamik, Artikulation, Pedalspiel usw. – auseinandersetzen zu müssen. Auch sieht bei Joplin die Quellenlage ganz anders aus: Bei der h-moll-Messe ging es um Bachs – übrigens sehr kompliziertes – Partiturautograph, auch bei Schütz hatte ich es vorwiegend nur mit Handschriften zu tun. Und nicht zuletzt hat für mich der Fingersatz ein neues Abenteuer bedeutet.

Und dazu noch: Bach und Schütz sind bibliographisch gut erfasst; man kennt die Quellen, man weiß, wo sie sind. Bei Joplin anders! Zwar haben sich die sogenannten Copyright-Exemplare zum guten Teil in der Washingtoner Library of Congress erhalten. Aber nicht jedes Stück befindet sich darunter; und auch die Copyright-Exemplare erzählen keineswegs die ganze Geschichte eines Stücks. Zwar stellen sie meist das früheste Zeugnis dar; aber nach der Erstveröffentlichung haben die Stücke ein weiteres Leben geführt, das sich nicht zuletzt in manchmal häufigen Neuauflagen verfolgen lässt. Diese ausfindig zu machen und in Ordnung zu bringen – das kann eine große Herausforderung sein.

DR: Da Sie das Thema Quellen ansprechen: Wie sieht es eigentlich mit Handschriften aus, sind von Joplin denn autographe Manuskripte erhalten?

JR: Tatsächlich haben wir leider keine Autographe von Joplin mehr – oder jedenfalls keine, außer einer Korrekturfahne zu seiner Oper Treemonisha. Anscheinend haben sie noch Anfang der 1950er Jahre existiert, doch verschwanden sie nach dem Tod der Witwe. Es bleiben also nur die Drucke – die Joplin allerdings überwacht haben wird und die mit wenigen Ausnahmen ganz gute Notentexte überliefern. Insofern auch die Notenplatten im Grunde bei Wiederauflagen unverändert blieben, gibt es textkritische Probleme im üblichen Sinne wenig. Aber es gibt immer Dinge, die zu korrigieren oder ergänzen sind – und Leser und Leserinnen werden alles dazu im Bemerkungsteil sorgfältig registriert finden, damit sie genau wissen, womit sie zu tun haben.

Und auf jeden Fall hat eine Edition mehr als „nur“ einen Notentext zu bieten – obwohl man keineswegs den Wert von so schön gestochenen Notentexten bei Henle keineswegs unterschätzen sollte. Eine Edition muss auch Rechenschaft ablegen: Was liegt hinter den Noten? Was für ein Schicksal hatten sie? Jedes Stück, jeder Druck, hat eine Geschichte; diese Geschichten ans Licht zu bringen, gehört zu den Anforderungen einer richtigen Urtext-Ausgabe. Sie bereichern die Rezeption, das Verständnis der Musik – und das kommt letztendlich auch der musikalischen Interpretation zugute.

DR: Die Ragtime-Musik erlebte ihre Blütezeit vor dem 1. Weltkrieg, danach ist sie für viele Jahrzehnte in Vergessenheit geraten. Wie hat sich das auf die Überlieferung ausgewirkt, sind denn beispielsweise Druckausgaben in größerer Zahl erhalten? Ist es möglich, zu den über 50 Klavierkompositionen Joplins heute noch Exemplare der Erstausgabe zu finden?

JR: Da verweisen Sie tatsächlich auf eine der Herausforderungen der Joplin-Edition. Exemplare der Originalausgaben finden sich nicht überall in öffentlichen Sammlungen; beispielsweise hat man bisher kein Exemplar des schönen Walzers Bethena in einer öffentlichen Bibliothek nachweisen können – es finden sich soweit ich weiß nur zwei Exemplare überhaupt, beide im Privatbesitz. Tatsächlich liegt sehr viel nur im Privatbesitz vor; dankenswerteweise haben sich die Sammler als äußerst entgegenkommend gezeigt. So habe ich nicht zuletzt mit deren Hilfe fast 50 Auflagen von Maple Leaf Rag identifizieren können. Sicher werden bei der weiteren Arbeit bisher unbekannte Auflagen aller Stücke ans Licht kommen.

DR: Zu Joplins Lebzeiten (er starb 1917) waren das Grammophon und Reproduktionsklaviere schon weit verbreitet – gibt es denn Aufnahmen von ihm persönlich am Klavier, die als Tonquellen verwendet werden könnten?

JR: Es gibt zwar einige Klavierrollen, die angeblich von Joplin gespielt wurden. Doch sind sie nicht ganz frei von Problemen: Zu der Zeit, als sie produziert wurden, war Joplin bereits krank und nicht mehr auf der Höhe seines pianistischen Könnens – und Virtuose war er ohnehin nie. Zudem konnte man in die Rollen nachträglich eingreifen und Noten hinzufügen oder sonst verändern. Glücklicherweise hatte ich mich nicht bei den ersten Neueditionen, Maple Leaf Rag und The Entertainer, damit auseinanderzusetzen. Künftig werde ich wohl im Einzelfall die Rollen heranziehen müssen: Es gibt beispielsweise bei dem schönen Rag Weeping Willow eine sehr attraktive Variante im letzten Abschnitt. Die wird selbstverständlich nicht als Haupttext erscheinen; aber ich kann mir vorstellen, sie als Alternative in einer Fußnote zu drucken oder zumindest darauf in den Bermerkungen zu verweisen.

DR: Auf dem Titelblatt des Maple Leaf Rag steht ab ca. 1901 über Joplins Namen die Zeile „King of Ragtime writers“, klingt ziemlich selbstbewusst… Stammt dieser „Werbespruch“ vom Verleger oder von Joplin selbst? Und entspricht diese Bezeichnung der Realität, war Joplin zu dieser Zeit wirklich ein Star in der Musikwelt der USA?

JR: „King of Ragtime writers“ findet sich tatsächlich nicht nur auf Maple Leaf Rog, sondern auf mehreren Rags. Lange Zeit hat man das – zumindest implizit – den Verlegern zugeschrieben. Wie sich bei den Forschungen zur Neuausgabe herausstellte, stammt es tatsächlich von Joplin selbst. Er war zwar nach allen Zeugnissen ein eher zurückgehaltener, bescheiden wirkender Mann. Aber er wusste, wer er war und was er geschaffen hatte. Und auf jeden Fall stimmte es! Er wurde fast gleich nach dem Erscheinen von Maple Leaf überall als der größte Ragtime-Komponist anerkannt.

DR: The Entertainer und Maple Leaf Rag gelten heute als die mit Abstand populärsten Stücke Joplins. War das denn zu seinen Lebzeiten auch schon so, oder hat sich der Geschmack des Publikums da gewandelt?

JR: Wie angedeutet war Maple Leaf Rag ein Riesenerfolg: Angeblich haben sich an die Millionen Exemplare verkauft. Ob das in letzter Einzelheit stimmt, vermag ich nicht zu sagen. Aber wie schon bemerkt, musste der Verleger John Stark ständig Neuauflagen herausbringen. Kein zweiter Rag – und nicht allein von Joplin – hat einen vergleichbaren Erfolg gehabt. Wohl überaschenderweise war es allerdings anders bei The Entertainer. Es gab relativ wenige Nachdrucke, und in einer zufällig belegten Strecke von achtzehn Monaten, als sich mindestens 15.500 Exemplare von Maple Leaf verkauften, hat Stark weniger als 200 verkaufte Exemplare von The Entertainer in seinen Geschäftsbüchern notiert. Es erübrigt sich fast zu sagen, dass man auch darüber in den neuen Editionen wird lesen können.

DR: In wenigen Wochen, am 13. November 2026, wird The Morgan Library & Museum in New York eine große Ausstellung zu diesem Thema eröffnen, „Ragtime: Cakewalk in Pianoland“. Was denken Sie, ist das Interesse an Ragtime-Musik neu erwacht, und werden langsam auch andere Komponisten dieser Ära neben Scott Joplin entdeckt?

JR: Ich freue mich sehr auf die Morgan-Ausstellung und habe das Glück gehabt, dabei in bescheidenem Umfang beratend mitgewirkt zu haben. Ich finde es schön, dass eine so prestigereiche Institution wie die Morgan Library & Museum die Bedeutung des Ragtime anerkennt, denn Ragtime war ein wichtiges kulturelles Phänomen und bleibt oft eine absolut hinreißende Musik! Es gab zwar neben Joplin andere hervorragende Ragtime-Komponisten: als bekannteste James Scott und Joseph F. Lamb, doch auch nicht wenige, die mitunter hochrangige Stücke hinterlassen haben. Aber Joplin war primus inter pares – tatsächlich der König von Ragtime.

DR: Joshua, ich danke Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

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