Die nicht mehr ganz jungen Menschen werden sich erinnern. Es war in den 1990er Jahren, man zahlte in Deutschland mit der letzten Serie von D-Mark-Scheinen. Der Liter Benzin kostete weniger als zwei Mark, der TSV 1860 München spielte in hellblauen Trikots in der ersten Bundesliga. Ebenfalls blau waren schon damals die Henle-Urtext-Ausgaben – und wer in bar die 18 Mozart-Klaviersonaten von Henle (HN 1 und HN 2), 60 Liter Benzin oder ein 1860er-Fußballtrikot bezahlte, nahm womöglich einen blauen Schein zur Hand. Vorne war das Bildnis einer Frau zu sehen, hinten ein alter Flügel. Clara Schumann war es, die den 100-Markschein zierte. Jeder kannte sie. Aber wussten all jene, die mit ihrer Hilfe den 100-Markschein erkannten, auch, wer sie war?

Emilie Mayer, Lithographie Eduard Meyer nach einer Zeichnung von Pauline Suhrlandt

Frauen in der Musikgeschichte, das ist bis heute ein unterbelichtetes Thema. Auch im Henle-Katalog. Aber es hat eine Entwicklung begonnen. Komponistinnen und ihre Werke werden wiederentdeckt. Musikschaffende setzen mehr und mehr dieser Werke auf ihre Konzertprogramme. Und ins Henle-Verlagsprogramm tritt nun eine weitere Komponistin: Emilie Mayer. Mayer lebte von 1812 bis 1883 und wurde immer wieder als der „weibliche Beethoven“ bezeichnet. Gemäß neuer Forschung ist das eine Falschzuschreibung – und Mayers Musik bedarf sowieso keiner männlichen Parallelziehung. Schon gleich keiner schiefen. Schiefe Parallelen sind ohnehin ein Unding.

Wie nur wenigen Frauen des 19. Jahrhunderts gelang es Emilie Mayer, als Komponistin beruflich Fuß zu fassen. Sie schrieb Lieder, Klavier- und Kammermusik, sie komponierte großbesetzte Symphonien. Ihre Musik wurde zu ihren Lebzeiten professionell aufgeführt – auf größtmöglicher Berliner Konzertbühne und regelmäßig vor der preußischen Königsfamilie. Mayer wurde zur Vizedirektorin der Berliner Opernakademie ernannt und als erste Frau Ehrenmitglied der Münchener Philharmonischen Gesellschaft. Alles eitel Sonnenschein? Ganz gewiss nicht. Als Mayer Ende 20 war, beging ihr Vater Selbstmord, ein harter Einschnitt in Mayers Leben. Der Umstand, dass zumindest ein Teil ihres musikalischen Aufstiegs in ihrer frühen Schaffensphase darin begründet war, dass etliche hinter der Musik von „E. Mayer“ (so die von Mayer verwendete Abkürzung ihres Namens) zunächst einen männlichen Komponisten vermuteten, erzählt sowohl von dem guten Eindruck, den „E. Mayers“ Musik auf die Zeitgenossen machte, als auch von Frauendiskriminierung. In der Neuen Zeitschrift für Musik hieß es 1851 so wohlwollend wie toxisch:

„Es ist wohl so ziemlich das erste Mal, daß eine Dame sich in der Composition eines größeren Werkes versucht. Vielleicht, daß künftig die Frauen auch auf die Gebiete der Tonkunst eine höhere Schöpferkraft zeigen, wie es jetzt schon auf dem Gebiet der Poesie der Fall ist, und daß damit auch hier das Vorurtheil beseitigt wird, als sei ihnen eine solche Begabung überhaupt versagt“ (Neue Zeitschrift für Musik 23, Bd. 34, 1851, S. 247 f.).

Wie kam ich als Henle-Lektor mit Komponistinnen-Spezialauftrag zu Emilie Mayer? Gar nicht. Ehe ich mich’s versah, war Mayer bereits zu mir gekommen – in Gestalt der Cellistin und Musikwissenschaftlerin Seonhwa Lee.

Lee bereitet derzeit eine große Forschungsarbeit und eine Kompletteinspielung der Cellosonaten von Emilie Mayer vor. Und sie hatte nicht nur immenses Wissen zu Emilie Mayer, editorisches Gespür und virtuoses Können am Cello im Gepäck, sondern zauberte beim Kennenlernen als Zukunftsvision einen Coverentwurf hervor, wie eine Henle-Ausgabe der Mayer-Cellosonaten aussehen könnte. Die in Stein gemeißelten Gestaltungsrichtlinien für Henle-Cover erzwangen zwar ein paar Änderungen, aber dieses Cover, selbstbewusst und in blauer Pracht an die Wand projiziert, besiegelte Mayers Ankunft im Henle-Verlagshaus. Zwölf Cellosonaten hat Mayer geschrieben (eine davon ist mit „Duett“ statt „Sonate“ überschrieben). Zusammen mit Seonhwa Lee waren wir uns schnell einig, dass jene drei Sonaten, die die Komponistin einst selbst herausgriff, um sie im Berliner Verlag Bote & Bock erscheinen zu lassen, künftig im Henle-Urtext verfügbar sein sollen.

Den Anfang macht mit der Verlagsnummer HN 1688 die viersätzige Sonate in D-dur Opus 47, die nun druckfrisch erschienen ist. Wer sie sich aufs Notenpult legt, bekommt von Seonhwa Lee alles aus einer Hand. Ein historisch einordnendes Vorwort, eine wissenschaftlich exakt belegte Urtext-Edition mit kritischem Apparat sowie moderne, praxistaugliche Bezeichnungen der beiliegenden Solostimme. Den Klavier-Fingersatz hat Lees Duopartner Nicholas Rimmer beigesteuert. Moderner Notensatz, durchdachte Wendestellen und Klapptafeln in den Solostimmen runden ein wundervolles Paket in Henle-Qualität ab.

Diese Sonate ist biographisch und auch quellenspezifisch ein besonderes Werk. Sie steht am Ende einer großen Komponistinnenlaufbahn. Nur einen Monat vor Mayers Tod am 10. April 1883 wurde die Sonate mutmaßlich erstmals aufgeführt. In jener Ausgabe der Neuen Berliner Musikzeitung aus dem April 1883, in der die Sonate als „soeben erschienen“ angekündigt wurde, war auch ein Nachruf auf die just verstorbene Komponistin abgedruckt.

Im Quellenbestand unterscheidet sich diese Sonate von allen anderen Cellosonaten Emilie Mayers. Nur bei dieser Sonate kann man gewissermaßen aus dem Vollen schöpfen, liegen sowohl eine „echte“, von Mayer noch persönlich autorisierte Erstausgabe nebst Stimmenauszug als auch zwei Autographe vor. Editorischer Luxus. Aber auch herausfordernd: Eines der Autographe enthält ausschließlich die Solostimme und ist als die Stichvorlage für den Stimmenauszug der Erstausgabe identifizierbar. Hier besteht weitgehend Übereinstimmung, was den Notentext betrifft. Die autographe Partitur hingegen zeigt ein früheres Kompositionsstadium der Sonate. Ihre Auswertung verlangte somit Fingerspitzengefühl, bot sie doch einerseits in vielen Fällen wichtige Anhaltspunkte, um Fehler der Erstausgabe erkennen und beheben zu können, und musste man andererseits Acht geben, die Sonate dabei nicht in einen früheren Entwicklungsstand zurückzuversetzen. Eine spannende Aufgabe, der sich Seonhwa Lee und ich als begleitender Lektor in angeregter Diskussion stellten.

Es hat sich gelohnt, denn mit Emilie Mayers Cellosonate op. 47 steht nun eine Komposition in wissenschaftlichem Urtext zur Verfügung, die das gängige Repertoire hoffentlich bald erweitern wird. Mayers ganze kompositorische Reife steckt in dieser Sonate. Eine langsame, ohne Vorzeichen notierte Einleitung bereitet das blühende D-dur-Hauptthema (Allegro con spirito) des ersten Satzes vor. Die Solostimme ist wunderschön sanglich, der geschmeidig begleitende, mitunter virtuose Klavierpart lässt erkennen, welch hervorragende Pianistin Mayer selbst war. Solostimme und Klavier sind thematisch eng aufeinander bezogen, sodass ein äußert dialogischer Charakter entsteht.

1. Satz, Einsatz des Hauptthemas, Henle-Urtext

Ein solches Zwiegspräch kennzeichnet auch das nachfolgende Scherzo. Mayer hat ihm einen kernig beherzten Gestus verliehen. Das Klavier eröffnet das Gespräch und treibt den Satz oft mit prägnantem Puls voran. Bemerkenswert sind auch die abrupten Tempowechsel, die die Musik sehr lebendig machen.

Energisch vorantreibendes Klavier zu Beginn des Scherzos, Henle-Urtext

Auch im Adagio beginnt zunächst das Klavier alleine – mit einer achttaktigen Einleitung, die in ihrer akkordischen Ruhe beinahe wie das Vorspiel zu einem Lied wirkt. Entsprechend schön ausgesungen ist hier der Einsatz der Cellostimme (cantabile).

Vorspiel Adagio, Henle-Urtext

Der Allegro-Finalsatz schließlich ist ein Fest der Spielfreude in strahlendem D-dur mit figurativ bewegten, verzierungsreichen Stimmen. Besonders gefällt Seonhwa Lee, dass Mayer auch hier, im raschen Tempo, die sangliche, melodische Grundhaltung ihrer Musik bewahrt und musikdramaturgisch meisterhaft einbettet – „vor allem dort, wo gegen Ende ein Rezitativ erscheint. Für mich ist das eine Stelle, an der Mayers Personalstil besonders zutage tritt,“ sagt Lee.

„Rezitativ“ im vierten Satz, T. 143–156, Henle-Urtext

Noch sind Einspielungen dieser wunderbaren Sonate schwer zu finden.

Die nun vorliegende moderne Urtext-Edition wird bald dazu beitragen, das gehörig zu ändern, denn Seonhwa Lees eigene Einspielung des Werks auf Basis ihrer Edition findet dieser Tage statt und wird 2027 zusammen mit den anderen Mayer-Cellosonaten bei Hänssler Classic erscheinen.

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