Vor wenigen Tagen jährte sich zum 200. Mal der Todestag Carl Maria von Webers, der in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 1826 im Alter von nur 39 Jahren in London starb. Der G. Henle Verlag würdigt den großen romantischen Komponisten mit einer Urtext-Ausgabe seines wunderschönen Fagottkonzerts, das sich aufs Beste in unseren wachsenden Katalog von Werken Webers einreiht.

Carl Maria von Weber ist heute vor allem als Komponist des Freischütz und Schöpfer der deutschen romantischen Oper berühmt, doch auch in den instrumentalen Gattungen hat er zahlreiche hinreißende Werke geschaffen, die noch heute im Konzertleben und auf den Notenpulten der Musiker weltweit anzutreffen sind.

So ist denn auch im Henle-Katalog eine vielfältige Auswahl seiner kammermusikalischen und konzertanten Werke im verlässlichen Urtext zu finden. Pianisten können sich an dem virtuosen Konzertstück f-moll für Klavier und Orchester op. 79 (HN 829) oder den nicht minder anspruchsvollen Klavierwerken (HN 414) versuchen, unter denen vor allem das Walzer-Rondo Aufforderung zum Tanze op. 65 (HN 415) hervorsticht. Daneben steht ausgewählte Kammermusik wie das Trio g-moll für Klavier, Flöte und Violoncello op. 63 (HN 687) oder – als Geheimtipp – die sechs Violinsonaten op. 10 (HN 182), die sich mit ihrem nur mittleren technischen Schwierigkeitsgrad ideal als Schülerliteratur eignen.

Besonders beliebt ist Weber aber bei den Bläsern, denen er eine Reihe herrlicher Solokonzerte schenkte. Insbesondere für die Klarinettisten sind die beiden großen Konzerte in f-moll (HN 731) und Es-dur (HN 732) sowie das Concertino Es-dur (HN 718) zu zentralen Glanzstücken ihrer Sololiteratur geworden. Die Hornisten wiederum beglückte Weber mit dem technisch sehr diffizilen Concertino e-moll op. 45 (HN 1179), das u. a. gleichzeitiges Blasen und Singen in das Instrument erfordert.

Für das Fagott schließlich stellt Webers F‑dur-Konzert op. 75 – zusammen mit Mozarts Fagottkonzert – den unbestrittenen Höhepunkt im klassisch-romantischen Repertoire dar, an dem keine angehende Fagottistin und kein angehender Fagottist vorbeikommt, gleich ob im Studium, Wettbewerb oder Probespiel für eine Orchesterstelle.

Mit der HN-Nummer 1690 hat unsere neue Urtext-Edition des Weber’schen Fagottkonzerts (im Klavierauszug) nun frisch die Druckpresse verlassen und ist in Kürze im Handel erhältlich. Was ist darin nun anders als in den früheren Ausgaben des Konzerts?

Im Zuge der Vorbereitung meiner Edition musste ich feststellen, dass überhaupt nur eine einzige verlässliche und quellengetreue Ausgabe des Fagottkonzerts im Handel existiert, die der Fagottist und Musikwissenschaftler William Waterhouse 1990 herausgegeben hat. (In der Weber-Gesamtausgabe ist der entsprechende Band noch nicht erschienen.) Waterhouse hatte hierfür die ihm zugänglichen authentischen Quellen, nämlich Webers Autograph von 1822 und die Erstausgabe von 1824, mit allen späteren Ausgaben verglichen und festgestellt, dass letztere stark bearbeitet und durchgängig mit fremden Zusätzen versehen waren (sein lesenswerter Aufsatz von 1986 zur Vorbereitung seiner Edition ist hier online einzusehen).

Erstausgabe M. A. Schlesinger, Berlin 1824, Titelblatt;
Badische Landesbibliothek, Signatur DonMusDr 2809

Wie ich bei meinen eigenen Quellenvergleichen rasch feststellte, lag die Wurzel allen Übels darin, dass die von Weber persönlich beauftragte und autorisierte Erstausgabe beim Verlag M. A. Schlesinger, wie damals üblich, lediglich aus Einzelstimmen bestand (d. h. Fagott solo und die Orchesterstimmen), jedoch weder Partitur noch Klavierauszug umfasste. Weil für das praktische Einstudieren und die größere Verbreitung des Konzerts letztlich ein Klavierauszug unerlässlich wurde, lieferte der Verlag Schlesinger (inzwischen übernommen von R. Lienau) diesen nach – allerdings erst 1870, über 40 Jahre nach Webers Tod! Für diesen Klavierauszug wurde auch die Fagottstimme neu gestochen und dabei von einem unbekannten Herausgeber stark bearbeitet – wie stark, davon gibt dieser Vergleich des langsamen Mittelsatzes einen kleinen Eindruck (Bild zum Vergrößern anklicken):

links: Erstausgabe M.A. Schlesinger, Berlin 1824, Solostimme, S. 5,
rechts: Neuausgabe M.A. Schlesinger/R. Lienau, Berlin 1870, Solostimme, S. 5

Die zahlreichen ergänzten Legatobögen sind hier noch die kleinste Sünde, man wird die lyrische Kantilene wohl kaum gestoßen spielen. Störender sind schon die zusätzlichen dynamischen Vorschriften, die einer eigenen musikalischen Gestaltung des Adagios entgegenwirken. Vollends haarsträubend sind aber die rhythmische Änderung in Takt 29 und die frei ergänzte Triole am Ende von Takt 60, die in die kompositorische Substanz selbst eingreifen.

Verhängnisvollerweise wurde diese neue Fagottstimme von 1870 voller unauthentischer Zusätze und Notenänderungen zur Vorlage aller späteren Neuausgaben anderer Verlage im 20. Jahrhundert, sodass sich diese falschen Lesarten als Standard fest einbürgerten. Vermutlich ahnte später niemand mehr, dass sich die Ausgabe in Webers Originalverlag Schlesinger/Lienau inzwischen weit vom Original entfernt hatte…

Die verdienstvolle Ausgabe von Waterhouse war die erste, die wieder zu den originalen Lesarten des Autographs zurückkehrte. Allerdings kannte der Herausgeber eine sehr wichtige Quelle nicht, nämlich eine Partiturabschrift, die Weber im Spätsommer 1822 von seinem Autograph anfertigen ließ, damit der Verlag Schlesinger sie als saubere und gut leserliche Stichvorlage benutzen konnte. In dieser Abschrift trug Weber aber anschließend noch weitere kompositorische Änderungen ein, die nicht im Autograph stehen! Man kann diese Zusätze sehr gut an Webers charakteristischer Handschrift und auch an der dunkleren Tinte erkennen. Ein Beispiel hierfür sind im 1. Satz der Legatobogen in T. 94–96 und die Angabe brillante in T. 97.

oben: Partiturautograph, Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz,
Signatur Mus. ms. autogr. C. M. v. Weber WFN 14(1), S. 8/9, T. 94–98
unten: Partiturabschrift, Staatsbibliothek zu Berlin · Preußischer Kulturbesitz,
Signatur Mus. ms. 22756, S. 14, T. 94–98

Folgerichtig übernahm der Verlag diese Angaben auch in die Erstausgabe:

Erstausgabe M.A. Schlesinger, Berlin 1824, Solostimme, S. 2, Takt 94–97

Die abschriftliche Stichvorlage ist also eine äußerst hilfreiche Quelle: mit ihr kann man in zahllosen Fällen eindeutig klären, ob ein Unterschied zwischen Autograph und Erstausgabe auf Weber zurückgeht oder vielleicht doch ein Versehen des Notenstechers war (womit natürlich auch häufig zu rechnen ist). Die Edition von Waterhouse folgt dagegen in vielen Details den veralteten Lesarten des Autographs, wie auch in diesem Fall eines von Weber erst später ergänzten Vorzeichens im 2. Satz, T. 27:

oben: Partiturautograph, S. 26, T. 26–28
mittig: Partiturabschrift, S. 41, T. 26–27
unten: Erstausgabe, Solostimme, S. 5, T. 26–28

Mit der Henle-Urtextausgabe liegt also nun erstmals eine kritische Ausgabe des Weber’schen Fagottkonzerts vor, die alle drei relevanten Quellen (Autograph, Stichvorlage, Erstausgabe) auswertet, so genau wie möglich den von Weber letztgültig gewünschten Notentext wiedergibt und zudem ausführlich über Lesartenunterschiede und Probleme Auskunft gibt. Und obwohl die verunstaltete Fagottstimme von 1870 für unsere Edition natürlich keine Rolle spielte, dokumentieren wir in unserem Kritischen Bericht auch deren gravierendste Verfälschungen, eben weil sie für die spätere Rezeption eine so verheerende Wirkung gehabt haben. 202 Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe ist es höchste Zeit, dem Fagottkonzert Webers sein wahres Gesicht zurückzugeben.

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